New Year’s Eve Concert 2014/ The Life I love. The pianist Menahem Pressler. A Film by Grete Liffers

Menahem Pressler (Klavier), Berliner Philharmoniker, Ltg. Simon Rattle/ The Life I love. The pianist Menahem Pressler. A Film by Grete Liffers

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Euro Arts 2061138
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 77

Der 1923 in Magde­burg geborene Mena­hem Pressler war über mehr als fünf Jahrzehnte ein­er der weltweit führen­den Kam­mer­musikpi­anis­ten. 1939 zunächst nach Palästi­na geflüchtet, grün­dete er 1955, inzwis­chen im amerikanis­chen Bloom­ing­ton ansäs­sig, das Beaux Arts Trio, das er in wech­sel­nden Stre­icherbe­set­zun­gen durch rund 6000 Konz­erte bis 2008 leit­ete. Zahlre­iche Auf­nah­men, darunter beispiel­sweise die gesamten Trios von Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms und Dvorák, gehören zum Ver­mächt­nis des Ensem­bles.
Erst nach Abschluss dieser einzi­gar­ti­gen Kam­mer­musik­lauf­bahn ent­deck­te sich Pressler, der mit 23 einen Debussy-Klavier­wet­tbe­werb in San Fran­cis­co gewon­nen hat­te, als Solop­i­anist neu. Im Jan­u­ar 2014 debütierte er bei den Berlin­er Phil­har­monikern und wurde daraufhin von Simon Rat­tle ein­ge­laden, im Sil­vesterkonz­ert des­sel­ben Jahres Mozarts A-Dur-Klavierkonz­ert KV 488 zu spie­len. Ein Mitschnitt dieses Konz­erts, das auch tänz­erisch inspiri­erte Werke von Rameau, Dvorák, Kodá­ly, Brahms und Chatschatur­jan enthält, bildet den Hauptbe­standteil der vor­liegen­den DVD.
Pressler spielt das Mozart-Konz­ert mit run­der, niemals forcieren­der Tonge­bung, ruhig atmender Phrasierung und in ständi­ger, auch gestis­ch­er Kom­mu­nika­tion mit Diri­gent und Orch­ester – ein Musik­er, für den auch mit 91 Jahren offen­bar immer noch die schiere Freude am Musizieren im Vorder­grund ste­ht. Wenn das Tem­po des Solis­ten in den Eck­sätzen mitunter allzu sehr zu ermat­ten dro­ht, greift Simon Rat­tle in den Zwis­chen­spie­len äußerst geschickt die Fäden wieder auf. Das fis-Moll-Ada­gio wird als fast kam­mer­musikalisch intimer Dia­log zwis­chen Solist und Orch­ester zum anrühren­den Mit­tel- und Höhep­unkt des Werks.
Ganz unprä­ten­tiös spielt Pressler als Zugabe Chopins nachge­lassenes cis-Moll-Noc­turne (das in Book­let wie Unter­ti­tel fälschlicher­weise als op. 27 Nr. 1 beze­ich­net wird).
Der Porträt-Film The Life I Love von Grete Lif­fers, der inzwis­chen beim tschechis­chen Tele­vi­sion-Fes­ti­val den Haupt­preis „Grand Prix Gold­en Prague“ gewann, bringt in 45 Minuten dem Zuschauer auch den Men­schen Mena­hem Pressler näher: Pressler als gestrenger Kurslehrer beim Schu­mann-Klavierkonz­ert; Pressler als eben­so gewis­senhafter Selb­stkri­tik­er bei Mozart-CD-Auf­nah­men; Pressler als Reisender in der Eisen­bahn und bei einem Wieder­se­hen mit sein­er Heimat­stadt Magde­burg; Pressler im Gespräch über seine Jugendzeit, seine Ide­ale als Inter­pret und sein langes glück­lich­es Leben als Ehe­mann und Vater – immer wieder leuchtet vor allem ein opti­mistis­ch­er Grundzug sein­er Leben­sphiloso­phie durch, eine „Liebe zum Leben“, die diesen großen alten Mann zum Vor­bild auch für viel jün­gere Kol­le­gen wer­den lässt.
Rain­er Klaas