Hiekel, Jörn Peter (Hg.)

Neue Musik in Bewegung

Musik- und Tanztheater heute

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2011
erschienen in: das Orchester 11/2011 , Seite 62

Der Besuch eines Kon­gress­es oder ein­er Tagung ist wie ein Konz­ert- oder The­ater­erleb­nis: nicht zu ver­gle­ichen mit ein­er CD, DVD oder einem Buch. Das per­sön­liche Erleben, die lebendi­gen Diskus­sio­nen und Begeg­nun­gen hin­ter­lassen oft die länger bleiben­den Ein­drücke. Den­noch hat die hier vor­liegende Pub­lika­tion der Vorträge dur­chaus ihre Berech­ti­gung, erschließen sich doch die Gedankengänge und Schlussfol­gerun­gen dadurch einem weitaus größeren Pub­likum.
Dieses Buch bein­hal­tet Vorträge, die bei der let­ztjähri­gen Früh­jahrsta­gung des Insti­tuts für Neue Musik und Musik­erziehung Darm­stadt gehal­ten wur­den. Dort wurde in Vorträ­gen und Diskus­sio­nen, aber auch mit Per­for­mances und Konz­erten der Frage nach dem zeit­gemäßen und inno­v­a­tiv­en Poten­zial von Musik- bzw. Tanzthe­ater­pro­duk­tio­nen nachge­gan­gen. Wie die Früh­jahrsta­gung richtet sich auch das Buch an ein Fach­pub­likum sowie an inter­essierte und in der Szene der Neuen Musik behei­matete Leser – also vor­wiegend an Stu­den­ten, (ange­hende) Musik­er, Dra­matur­gen usw.
Die Vorträge zeu­gen alle­samt von hoher Sachken­nt­nis, sind gut ver­ständlich geschrieben und zum Teil mit Bild­ma­te­r­i­al anschaulich illus­tri­ert. Wer diese Artikel liest, bekommt tat­säch­lich den Ein­druck, dass die Kun­st­form Musik- bzw. Tanzthe­ater keineswegs tot, son­dern facetten­re­ich und auf man­nig­fache Art lebendig ist. Wiederkehrende Namen im Bere­ich des Musik­the­aters sind etwa Mauri­cio Kagel, Dieter Schnebel, Sal­va­tore Scia­r­ri­no und Wolf­gang Rihm; Let­zterem wurde bei der Tagung ein Schw­er­punkt gewid­met mit vier Vorträ­gen und einem Podi­ums­ge­spräch. Schade, dass hier­von lediglich zwei Auf­sätze übrig blieben – und dass der Ver­weis des Autors Jörg Main­ka auf den nicht vorhan­de­nen Beitrag von Ulrich Mosch ins Leere geht. Es ist ver­ständlich, dass nicht alle bei der Tagung angekündigten Vorträge auch tat­säch­lich gedruckt wer­den kön­nen – doch sollte das ursprüngliche Konzept wenig­stens irgend­wo im Buch nachzule­sen sein, denn nur dann kann man die vorhan­de­nen Auf­sätze auch richtig zuord­nen und Lück­en als solche erken­nen, anstatt unnötig ver­wirrt zu wer­den.
Und noch ein weit­er­er Dienst am Leser sei an dieser Stelle angeregt: Wenn schon erstk­las­sige Autoren gewon­nen wer­den kon­nten, dann darf man diese ruhig kurz vorstellen. Im Live­be­trieb der Tagung eine Selb­stver­ständlichkeit, würde sich auch der Leser darüber freuen zu erfahren, dass er ger­ade den Beitrag ein­er Pro­fes­sorin für Musikpäd­a­gogik, eines mehrfach aus­geze­ich­neten Kom­pon­is­ten oder der Redak­tion­slei­t­erin Musik der FAZ vor sich hat.
Faz­it: Fundierte und sehr lesenswerte Beiträge zum neuesten Musiktheater‑, Tanzthe­ater- und Per­for­mance-Schaf­fen der Neuen-Musik-Szene, denen es jedoch – ger­ade wegen ihrer Bun­theit und Vielschichtigkeit – gut getan hätte, wenn sie in einen Ori­en­tierung geben­den Rah­men einge­bet­tet wor­den wären. Vielle­icht eine Anre­gung für Band 52 der „Veröf­fentlichun­gen des Insti­tuts für Neue Musik und Musik­erziehung Darm­stadt“, der sich­er schon in Arbeit ist?
Sibylle Kayser