Werke von Federico Albanese, Paul Frick, Matthew Herbert und anderen

Neue Meister Live in Berlin

Deutsches Kammerorchester Berlin

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Neue Meister 0300783NM
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 70

Im Herb­st 1989 im Geist der Wiedervere­ini­gung gegrün­det, entwick­elte sich das Deutsche Kam­merorch­ester Berlin inner­halb eines Viertel­jahrhun­derts zum Botschafter der nach­drän­gen­den Kün­st­ler­gen­er­a­tion. Das Dop­pelal­bum doku­men­tiert Werke von neun jun­gen, in Berlin täti­gen Kom­pon­is­ten ver­schieden­er Herkun­ft­slän­der: Mitschnitte aus drei Konz­erten, die 2016 im „Dri­ve. Volk­swa­gen Group Forum“ unter wech­sel­nder Leitung stat­tfan­den.
Das Orch­ester­man­age­ment wäre allerd­ings gut berat­en, den Meis­ter­ti­tel nicht zu entwerten. Gefäl­liges Sound­de­sign, sim­ple Sch­ablo­ne­nar­beit und wolkige Stim­mungsräusche klin­gen eher nach Zauber­lehrlingsar­beit. Und wer aus dem Zusam­men­hang geris­sene Zitate aus dem Schaf­fen wirk­lich­er Meis­ter aufs Rad min­i­mal­is­tis­ch­er Rep­e­ti­tion­s­mechanik flicht, der sollte sich lieber nicht mit ihren Namen schmück­en.
Immer­hin lässt die Kollek­tion ästhetis­che Höhe­nun­ter­schiede erken­nen. Als Wech­sel­spiel zwis­chen einem Wurl­itzer Elek­troklavier und einem mod­er­nen Konz­ert­flügel, die – vom Orch­ester frag­il umhüllt – einan­der echoar­tig reflek­tieren, sind Johannes Motschmanns Echoes and Drones orig­inell erdacht. Weniger inspiri­ert wirken die Shad­ow­land Suite des Ital­ieners Fed­eri­co Albanese, die wieder­hol­ungs­selige Piano-Schleifen mit ambi­ent-arti­gen Stre­icherk­län­gen umwölkt, und die mini­malistische Klangstudie Nei­hou seines Lands­man­ns Francesco Tris­tano, die Klavier und Syn­the­siz­er mit Live-Elek­tron­ik ver­söh­nt.
Mit Hil­fe ein­er Frauen­stimme züchtet Fabi­an Russ in Black is the Colour Hybride aus Klas­sik­ab­fall und elek­tro­n­is­chen Anmu­tun­gen. Erfind­ungsarm auch die Met­al Zone von Paul Frick, doch gewin­nt sie durch einen gewis­sen Dri­ve und kesse Rhyth­mik. Die Bach Dreams, denen sich der Englän­der Ben Palmer hin­gibt, sind wabernd vervielfältigte Beutestücke aus Bachs Johannes­pas­sion (Ein­gangschoral), dem fün­ften Bran­den­bur­gis­chen Konz­ert und der Par­ti­ta Nr. 3 E‑Dur für Vio­line solo (Präludi­um).
Welch ein Licht­blick gegen Ende der Samm­lung! Die „Wan­derun­gen“, die Gilad Hochman in sein­er konz­er­tan­ten Fan­tasie Nedudim für Man­do­line und Stre­i­chorch­ester untern­immt, erre­ichen endlich den ersehn­ten kün­st­lerischen Höhenpfad. Umsied­lungs- und Exil­er­fahrun­gen bedin­gen ein ort­los­es, (t)raum­haftes Zeit­ge­fühl, das – wie der Israeli in einem Werkkom­men­tar andeutet – von der Wüsten­land­schaft um Jerusalem her­rührt. Anklänge jüdisch-ara­bis­ch­er Melodik über einem bedächti­gen, auf nur zwei Akko­rde gestützten har­monis­chen Rhyth­mus führen die vielschichtige Klan­greise ins Gren­zen­lose.
Wiewohl aus „konkreten“ Umwelt­geräuschen gewon­nen, ist die Hörszene Fur­ther für Kam­merorch­ester und Live-Elek­tron­ik von Matthew Her­bert dem vor­ge­nan­nten Stück sin­nesver­wandt. Den Konz­ert­saal durch­wan­dernd, lassen die Musik­er mit wasserge­füll­ten Flaschen und Pfeifen von Ret­tungswest­en die Not der Boots­flüchtlinge hören, bevor ihr Schluss­choral in O‑Ton-Sam­ples ein­er Ret­tungsak­tion versinkt.
Lutz Lesle