Ruzicka, Peter

Nachklang

Spiegel für Orchester, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Sikorski, Hamburg 2005
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 88

Nachk­lang – „Spiegel für Orch­ester“ ist ein Auf­tragswerk des Bun­desju­gen­dorch­esters. Peter Ruz­ic­ka schrieb dieses Werk – wie er im Vor­wort zur Par­ti­tur aus­führt – im Herb­st 1999 nach Beendi­gung sein­er Oper Celan – Musik­the­ater in 7 Entwür­fen nach einem Text von Peter Muss­bach (Auf­tragswerk der Säch­sis­chen Staat­sop­er Dres­den). Ruz­ic­ka zu Nachk­lang: „Die Kom­po­si­tion nimmt Bezug auf orches­trale Pas­sagen der Oper, ver­wan­delt sie und gewin­nt einen neuen dra­matur­gis­chen Zusam­men­hang der Rückschau, des Rück­hörens. Musikalis­che Gestal­ten und Klangflächen wer­den gespiegelt, dis­parate Entwick­lun­gen ‚zusam­mengeschaut‘. Ich machte während der Kom­po­si­tion die Erfahrung des Nachk­lin­gens, das sich wie ein beständi­ger ‚Klangschat­ten‘ aus­nahm.“
Hören erweist sich als Nach­hören. Der Aspekt der Ferne, der Weite, der Weiträu­migkeit und der Aspekt des Ver­schwindens sind von großer Bedeu­tung für dieses Werk. Klänge ver­lieren sich, ver­flüchti­gen sich, ver­schwinden ins Nichts (das Zeichen für einen solchen Prozess ist die Decrescen­do-Gabel mit einem kleinen Kreis am Schnittpunkt der Lin­ien); das ganze Werk schließlich zeich­net einen Prozess des Ver­schwindens ins Nichts nach.
Viel­er­lei Res­o­nanzphänomene bewirken eine nuan­cen­re­iche Far­bge­bung. Res­o­nanz erweist sich dabei als Nachschwingen/Nachklingen und als Mitschwingen/ Mitk­lin­gen. So wird das Orch­ester weniger als homo­gen­er, son­dern eher als in sich aufge­fächert­er und vielfältig zusam­menge­set­zter Klangkör­p­er behan­delt. Es gibt Kor­re­spon­den­zen inner­halb ein­er Instru­menten­gruppe, aber auch von ein­er Gruppe zur andern. Die Beset­zung: 2 Flöten, 2 Oboen (2. auch Englis­chhorn), 2 Klar­inet­ten in B (2. auch Bassklar­inette), 2 Fagotte (2. auch Kon­trafagott); 3 Hörn­er in F, 3 Trompe­ten in B (1. auch Fer­n­trompete im Saal), 3 Posaunen, 1 Basstu­ba; Harfe, Flügel, Celes­ta, elek­tro­n­is­che Orgel oder Syn­the­siz­er (1 Spiel­er); Pauken (6 Instru­mente); ein sehr dif­feren­ziertes Perkus­sion­sensem­ble (4 Spiel­er); eine reich beset­zte Stre­icher­gruppe (10 Vio­li­nen I, 8 Vio­li­nen II, 6 Violen, 6 Vio­lon­cel­li, 4 Kon­tra­bässe – alle­samt Fün­f­saiter).
Ein­er Intro­duk­tion fol­gt ein eher sta­tis­ch­er Teil (for­tis­si­mo) mit Klän­gen, die von ein­er Vorschlags­fig­ur (zunächst ein­er Art Dop­pelschlag als Rede­formel) einge­führt wer­den. Ver­hal­ten und „wie von fern“ – um eine beliebte Vor­tragsan­weisung Mahlers aufzu­greifen – erklingt der näch­ste Abschnitt (pianis­si­mo), der durch Fla­geo­letts und gedämpfte Klänge charak­ter­isiert wird. Ein nun fol­gen­der geräuschhafter Teil (oft ton­los, reich an Fla­geo­letts und Glis­san­di) ver­liert sich im Nichts. Erneut flam­men die geräuschhaften Ele­mente auf (Arpa: „Fin­ger­nagel-Glis­san­do“; Flügel: „mit Stiel über die Stimm­stöcke fahren“). Nach einem Steigerungsab­schnitt, der die vorschlagsar­ti­gen Fig­uren des Beginns wieder anklin­gen lässt, verebbt der Klang. Zu hören ist ein Abbau, das Ver­schwinden der Kom­po­si­tion selb­st dauert seine Zeit.
Fer­n­wirkun­gen entste­hen nicht nur durch die Fer­n­trompete im Saal; auch Fla­geo­letts und Glis­san­di, beson­dere Weisen der Instru­men­ta­tion, dynamis­che Anweisun­gen und beson­dere Spiel­weisen (z.B. con sor­di­no, mit Dämpfer) erzeu­gen die Empfind­ung im Hör­er, der ferne Klang sei stets präsent.
Res­o­nanz als Nachk­lang zeigt sich zum einen im konkret auskom­ponierten „Nachk­lang“ eines Instru­ments (vgl. z.B. S. 25 f.), zum andern in Fort­set­zun­gen eines Klangs im Klang ander­er Instru­mente, die den ersten zu ver­längern scheinen, oder in (anderen) Echowirkun­gen unter­schiedlich­ster Art. Ein ohren­fäl­liges Beispiel für Res­o­nanz als Mitk­lin­gen sind Stre­icher­flächen, bei denen Fla­geo­lett-Glis­san­di und hohe Klang­bal­lun­gen (divisi) in den Vio­li­nen, lang gehal­tene Klänge in den Violen und falsche Quin­ten in den tiefen Stre­ich­ern einen ganz neuen Klang erzeu­gen.
Bei ein­er Auf­führungs­dauer von ca. 18 Minuten lässt sich Nachk­lang prob­lem­los im Pro­gramm unter­brin­gen. Für das Orch­ester, das dieses Werk ein­studiert, gibt es viel zu ent­deck­en.
Eva-Maria Houben