Mythos

Auf den Spuren von König Ludwig II. Musik aus Bayern von Hans Kröll

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Animato
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 82

Das junge Blech­bläserquin­tett aus München zeich­net in 17 pro­gram­ma­tis­chen Stück­en Skizzen des Mythos von König Lud­wig II. und lässt dem Zuhör­er die Frei­heit, diese nach Belieben auszu­malen – oder es sein zu lassen. Das Schöne an dieser Musik ist, dass sie funk­tion­iert, unab­hängig davon, ob man sie völ­lig unbe­darft auf sich wirken lässt, ob man die erk­lären­den Book­let-Texte liest oder ob man sich vor­weg inten­siv mit der Geschichte des geheimnisvollen bay­erischen Königs auseinan­derge­set­zt hat, dessen mys­ter­iös­er Tod sich 2011 zum 125. Mal jährt.
Es han­delt sich durch­weg um Eigenkom­po­si­tio­nen von Hans Kröll, aus­drück­lich als „Musik aus Bay­ern“ beze­ich­net. So erklin­gen tra­di­tionelle Musik­for­men wie Pol­ka, Marsch, Walz­er und Galopp, alle­samt klas­sisch und sin­ner­füllt musiziert, ohne Klis­chees auszutreten und doch mit einem kleinen Augen­zwinkern. Die Musik klingt ins­ge­samt leichter, als sie zu spie­len ist; eine Wirkung, die sowohl für die Fähigkeit­en des Kom­pon­is­ten als auch die der Inter­pre­ten spricht.
Einzelne musikalis­che Zitate aus Werken Richard Wag­n­ers sind dra­matur­gisch berechtigt, war Lud­wig II. doch ein großer Verehrer des Kom­pon­is­ten. Glück­licher­weise dominieren sie jedoch nicht Krölls ansprechende Eigenkom­po­si­tio­nen, die kurzweilig und zugle­ich anspruchsvoll sind. Genau in die Mitte des Gesamtwerkes hat Kröll das einzige mehrsätzige Stück platziert. Unter den Titel König Lud­wig II. gliedern sich die fünf Sätze „Der Ver­zo­gene, Solo für Posaune“, „Der Tief­gründi­ge, Soloboarisch­er für Tuba“, „Der Ver­rück­te, Jaz­zga­lopp für Trompete“, „Der Melan­cholis­che, Hornidyll“ und „Der Geniale, Konz­ert­pol­ka für Trompete“. Hier wer­den nicht nur die ver­schiede­nen Gesichter des liebevoll „Kini“ genan­nten Königs porträtiert, die Musik­er demon­stri­eren auch ihr jew­eiliges Kön­nen als Solis­ten – und dies gelingt ihnen ein­drück­lich. Sebas­t­ian Sager, Fabi­an Heichele, Thomas Berg, Chris­t­ian Lofer­er und Kon­rad Müller sind zwis­chen 1977 und 1984 geboren und jed­er von ihnen kann bere­its einen bemerkenswerten musikalis­chen Lebenslauf vor­weisen. Auch haben alle Erfahrun­gen als Orch­ester­aushil­fen oder ‑akademis­ten, teil­weise sog­ar als Mit­glieder z.B. des Bay­erischen Staat­sor­ch­esters oder des Münch­n­er Rund­funkorchesters. Als Ensem­ble sind sie merk­lich gut aufeinan­der einge­spielt.
Mythos ist der zweite Ton­träger der Munich Brass Con­nec­tion, der sich mit sein­er Orig­i­nal­ität – sowohl im Sinn des orig­inellen The­mas als auch im Sinn von Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen statt Arrange­ments – dur­chaus von den zahlre­ichen Pro­duk­tio­nen divers­er Blech­bläser­for­ma­tio­nen abhebt. Nicht zulet­zt auch durch die ton­tech­nis­che Mis­chung. Klar und unver­fälscht wird die Qual­ität der Musik und der Kün­stler nicht durch über­triebene Kor­rek­tur­maß­nah­men „glattge­bügelt“. Hör­bares Einat­men, das naturgemäß nicht hun­dert­prozentig rein stim­mende Alphorn sowie eine akustis­che räum­liche Anord­nung, die dem Hör­er das Gefühl ver­mit­telt, die fünf jun­gen Her­ren säßen direkt vor ihm, machen Mythos zu einem
authen­tis­chen, man kann wohl sagen: zu einem bay­erisch-unverblümten Hör­erleb­nis.
Clau­dia Braun