Stefanie Spindler
Mythische Sinnlichkeit
Zur Funktion der Wahrnehmung in Richard Wagners Dramen Frankfurter Wagner Kontexte, Band 5
Wagner ohne Ende. Schon wieder ist eine jener eitlen Dissertationen erschienen, die zwar durchaus interessant sind, aber nicht unbedingt nötig bzw. anschaffenswert, zumal bei dem geforderten Ladenpreis. Wohl nur Bibliotheken und Seminare werden sich das – zugegeben schön gebundene, fadengeheftete – Buch anschaffen. Dort wird es aber wohl in Regalen ein weithin unbeachtetes Leben fristen, so ist zu befürchten.
Übrigens sind alle Publikationen der Reihe „Frankfurter Wagner-Kontexte“, die mir vorliegen, darunter wirklich wichtige und originelle Veröffentlichungen, sorgfältig hergestellt. Eine breite Rezeption dieses neuesten Bands der Reihe wird schon die trockene, akademische Sprache und die penible wissenschaftliche Struktur des Buchs verhindern. Ein typisches Buch einer Wissenschaftlerin für Wissenschaftler.
Die Kernthese des Buchs steht bereits im Vorwort: „Sie liest Wagners Textbücher bewusst als Lesedramen, eine Rezeptionsweise, die Wagner selbst dadurch nahelegte, dass er seine Libretti unabhängig von den Kompositionen publizierte.“ Die These ist weiß Gott nicht neu: Schon in seinem Buch Der traurige Gott. Richard Wagner in seinen Helden von 1978, mehr noch im Wagner-Handbuch von 1986, hat der Germanist Peter Wapnewski auf „des Philologen Recht auf Wagner“ gepocht und die wagnerschen Dramen als Dichtung ernst genommen und detailliert analysiert. Der Sinnlichkeit in Wagners Dramen wachse eine ästhetische und ideologische Schlüsselfunktion zu, als Eigenschaft des von Wagner geforderten Gesamtkunstwerks, das über die Sinne das Gefühl und nicht den Verstand des Menschen anspreche. So liest man. Das ist falsch! Man sollte die Sinnlichkeit bei Wagner nicht überschätzen und den politischen Theoretiker in ihm nicht unterschätzen. Sein Theater war schließlich eine gesellschaftskritische Parabel und ein Revolutionsstück. Revolutionen aber sind rein sinnlich gar nicht zu begreifen. Das wusste Wagner. Seine Zürcher Revolutionsschriften legen davon Zeugnis ab. Wagner wollte eine „Symbiose von Wortsprache und Tonsprache“, um der deutlichen Verständlichkeit seiner Intentionen willen.
Auch die Behauptung der Autorin, „Wagners Revolutionsauffassung habe ‚immer schon einen rassistischen und antisemitischen Kern‘ enthalten“, ist durch nichts zu belegen. Die Autorin beruft sich ausgerechnet und im Wesentlichen auf Paul L. Rose und sein Buch Richard Wagner und der Antisemitismus, einen der umstrittensten Wagnerautoren, dessen Behauptungen in direkter Nachfolge des fanatischsten, ja obsessivsten Wagnerverächters Hartmut Zelinsky stehen, der längst wissenschaftlich diskreditiert ist. Das Ergebnis der Arbeit lässt zu wünschen übrig.
Dieter David Scholz


