Borchard, Beatrix / Heidy Zimmermann (Hg.)

Musikwelten – Lebenswelten

Jüdische Identitätssuche in der deutschen Musikkultur

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Wien 2009
erschienen in: das Orchester 09/2010 , Seite 60

Anlässlich des 100. Todestags von Joseph Joachim fand 2007 in der Ham­burg­er Musikhochschule eine Tagung zur „Rolle der Musik im jüdis­chen Akkul­tur­a­tionsprozess“ seit 1850 statt. Der vor­liegende Band fasst in 23 Auf­sätzen führen­der Musik­wis­senschaftler die Beiträge dieses Kon­gress­es zusam­men. Bezugs­fig­ur ist in vie­len Tex­ten immer wieder Joseph Joachim, der als Geiger, Kom­pon­ist, Diri­gent, Päd­a­goge und jahrzehn­te­langer Leit­er der Berlin­er Musikhochschule für das Par­a­dig­ma ein­er spez­i­fisch deutschen Instru­men­tal­musik stand, die im Laufe des 19. Jahrhun­derts oft Züge ein­er „Zukun­ft­sre­li­gion“ annahm.
Trotz sein­er hohen gesellschaftlichen Stel­lung in Deutsch­land blieb der Jude Joachim von Attack­en aus dem Umkreis Richard Wag­n­ers und Hans Bülows nicht ver­schont, wie Hans-Joachim Hin­rich­sen in seinem Text über das „anti­semi­tis­che Rezep­tion­spara­dox“ dar­legt. Mit bril­lanter Sorgfalt analysiert Rein­hard Kapp im Ver­gle­ich das The­ma von Joachims Vari­a­tio­nen op. 10 und Robert Schu­manns Nordis­ches Lied aus op. 68.
Joachims Ein­satz für Bach, dessen Vio­lin-Cha­conne er häu­fig dar­bot, und Beethoven, dessen 9. Sym­phonie er als Diri­gent auf­führte, wird in Auf­sätzen von Michael Heine­mann bzw. Beate Ange­li­ka Kraus gewürdigt. Ger­hard J. Win­kler befasst sich mit Joachims Herkun­ft aus dem heute öster­re­ichisch-bur­gen­ländis­chen Wes­t­un­garn; er erin­nert zugle­ich an den großen Kaden­zen-Kom­pon­is­ten Joachim, dessen Kaden­zen zu Vio­linkonz­erten von Mozart, Beethoven und Brahms bis heute als unübertrof­fen gel­ten.
Zu der schwieri­gen Begriffs­bes­tim­mung „jüdis­che Musik“ – Musik jüdis­ch­er Kom­pon­is­ten, Musik über alttes­ta­men­tarische Stoffe, Musik mit folk­loris­tis­chem oder syn­a­gogalem Hin­ter­grund? – liefern Bar­bara Hahn und Rein­hard Flen­der wertvolle Auf­schlüsse. Beat­rix Bor­chard beleuchtet die iden­titätss­tif­tende Rolle der Musik im deutschen Juden­tum am Beispiel der Lauf­bah­nen von Joachim, Felix Mendelssohn Bartholdy, dem Berlin­er Kon­ser­va­to­ri­ums­grün­der Julius Stern (1820–1883) und dem Berlin­er Kan­tor Louis Lewandows­ki (1821–1894). Jan Brach­manns Text über die „Bibel als Grundge­setz aller Deutschen – Johannes Brahms’ ambiva­len­ter Lib­er­al­is­mus“ behan­delt die bibel­treue Gläu­bigkeit von Brahms, die ihn gegen anti­semi­tis­che Ver­suchun­gen à la Wag­n­er feite. Bemerkenswert ist auch Daniel Jüttes Unter­suchung über die schon seit der zweit­en Hälfte des
18. Jahrhun­derts nachzuweisende Tätigkeit jüdis­ch­er Instru­men­tal­is­ten und Sänger in Hoforch­estern und auf Opern­büh­nen Mit­teleu­ropas.
Andere Auf­sätze weit­en den Blick bis in die Mitte des 20. Jahrhun-derts hinein, wenn es etwa um die Geiger Arnold und Alma Rosé, den Jüdi-schen Kul­tur­bund während des Nazi-Regimes und auch um die Musik im NS-Lager­sys­tem (ins­beson­dere There­sien­stadt) und bei den so genan­nten „Dis­placed Per­sons Camps“ kurz nach dem Zweit­en Weltkrieg geht.
Annette Webers kleine Ikono­grafie „Jüdis­che Musik­er im Spiegel der bilden­den Kun­st des 19. Jahrhun­derts“ run­det dieses faszinierende Spek­trum deutsch-jüdis­ch­er Musikgeschichte zwis­chen Roman­tik und Mod­erne auf optisch erfreuliche Weise ab.
Rain­er Klaas