Lars Oberhaus/ Christoph Stange (Hg.)

Musik und Körper

Interdisziplinäre Dialoge zum körperlichen Erleben und Verstehen von Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 58

Der Titel ist großzügig gefasst und lässt erst ein­mal eine Fülle von Möglichkeit­en der Herange­hensweisen und Betra­ch­tun­gen offen. Worum geht es hier? Um Tanz oder Gesang? Um Instru­men­tal­prax­is oder Musik­er­leben? Um Tun oder Hören? Geht es um Bewe­gung oder Bewegth­eit? Bei einem Kongress im März 2016 in Del­men­horst trafen sich Vertreter der Musikpäd­a­gogik, Tanzwis­senschaft und Musikpsy­cholo­gie und tru­gen Aspek­te aus der Instru­men­talpäd­a­gogik, der Anth­ro­pologie, der Musik­wis­senschaft und der Musiketh­nolo­gie zusam­men.
Im Kon­gress­band wer­den eine Vielzahl von The­o­rien und Ansätzen wis­senschaftlich auf­bere­it­et, aber auch auf die Prax­is zurück­ge­führt. Fall­beispiele aus dem Schu­lun­ter­richt, exper­i­mentelle Pro­jek­tar­beit­en oder Beobach­tun­gen aus der Musikalis­chen Früherziehung dienen der direk­ten Ver­an­schaulichung. So wurde zum Beispiel die Arbeit ein­er Gruppe von Jugendlichen aus­gew­ertet, die eine musikalis­che Form in Bewe­gungsabläufe umset­zen soll­ten, wobei es zu ein­deutig geschlechtsspez­i­fis­chen Erken­nt­nis­sen kam.
Die Fragestel­lun­gen sind viel­seit­ig: Was hat Erleben mit Erfahrung zu tun? Wie wirkt sich Musikgeschmack auf die Rezep­tion aus? Und was verbindet das mod­erne Tanzthe­ater mit dem Spiel als solchem?
Bevor jedoch Lösungswege zu diesen Fra­gen ange­boten wer­den, um sie nicht zulet­zt der Päd­a­gogik und ihren Meth­o­d­en nutzbar zu machen, wird die Begriffs­bes­tim­mung an den Anfang gestellt: Was ist ein Kör­p­er, was ist eine Seele bzw. kann man bei­de über­haupt auseinan­der­di­vi­dieren? Über die Def­i­n­i­tio­nen geht es zum Teil weit hin­aus: Phänomene und schein­bar klare Begriffe für Sicht­bares und Unsicht­bares wer­den noch ein­mal zer­legt. Welche Abstu­fun­gen von Ver­ste­hen gibt es? Welche Qual­itäten von Wahrnehmung kön­nen erre­icht wer­den und auf­grund welch­er Prozesse? Ist der Kör­p­er ein Werkzeug, um beispiel­sweise ein Musikin­stru­ment kor­rekt sein­er Bes­tim­mung zuzuführen? Oder ist er doch auch ein direk­ter Träger von Wis­sen, das verän­der­bar wird im sozialen Gefüge und dessen Aus­druck in der Kom­mu­nika­tion mit anderen entwick­elt wird? Wie viel ist unbe­wusst? Wie viel Anschau­ung bedarf es bei der Umset­zung musikalis­ch­er Phänomene? Welche Verknüp­fun­gen ste­hen dahin­ter?
Für alle, die sich mit dem Phänomen Kör­p­er, Geist und Seele in Bezug auf die Musik auseinan­der­set­zen wollen, bietet das Buch sicher­lich einen erken­nt­nis­brin­gen­den Fun­dus, denn hier wer­den über­lieferte Überzeu­gun­gen und Tat­sachen aus Wis­senschaft und Prax­is dif­feren­ziert betra­chtet und fein­stof­flich beschrieben. Man muss sich jedoch weitest­ge­hend auf eine sehr wis­senschaftliche Dik­tion ein­lassen. Der beson­dere Wert dieser Samm­lung liegt sicher­lich in der Über­schre­itung und Zusam­men­führung unter­schiedlich­er Diszi­plinen unter Berück­sich­ti­gung beste­hen­der und weit­er­en­twick­el­ter, aber auch hin­ter­fragter The­o­rien.
Sabine Kreter