Heesch, Florian / Katrin Losleben (Hg.)

Musik und Gender

Ein Reader

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Wien 2012
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 61

Wozu dient dieser Read­er? Wer sich in der Ver­gan­gen­heit bere­its für die The­matik Musik und Gen­der auch nur annäherungsweise inter­essiert hat oder wer bere­its aktiv nach Kom­pon­istin­nen oder der Rolle der musizieren­den Frau fragte oder wer den Forschungs­bere­ich Musik­wis­senschaft und Geschlecht gar selb­st schon bear­beit­et hat, ken­nt den einen oder anderen Artikel aus dem vor­liegen­den Band bere­its. Doch selb­st wer schon lange auf diesem The­men­feld unter­wegs ist, ken­nt sich­er nicht alle Auf­sätze, die teil­weise weit in die Ver­gan­gen­heit der Musik-und-Gen­der-Forschung zurück­re­ichen, wie z.B. der von Judith Rosen, „Warum wur­den Frauen nie große Kom­pon­istin­nen?“, von 1973. Die meis­ten Artikel sind aus den 1990er Jahren und dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhun­derts, also all­ge­mein zugänglich.
Die Artikel des Read­ers find­en sich in den fünf Haup­tkapiteln, den fünf Haupt­feldern musik­wis­senschaftlich­er Gen­der­forschung entsprechend: I. Musik­wis­senschaft und Geschlecht (mit Auszü­gen aus Arbeit­en von Eva Rieger, Susan McClary, Leo Tre­itler, Judith Rosen und Mar­cia J. Cit­ron), II. Musikgeschichte (hier sind Annette Kreutziger-Herr, Susanne Rode-Brey­mann, Chris­tine Ammer, Melanie Unseld und Simon Frith und Angela McRob­bie vertreten), III. Biografik (Beat­rix Bor­chard und Jane Bow­ers), IV. Analyse und Autorschaft (Ruth A. Solie, Car­olyn Abbate, Richard Mid­dle­ton, Annegret Huber) und V. Kör­p­er und Per­for­manz (Freia Hoff­mann, Robert Walser und Susanne G. Cusick).
Der beson­dere Ver­di­enst der Her­aus­ge­ber ist zum einen die durch­dachte Zusam­men­stel­lung dieser grundle­gen­den Musik-und-Gen­der-Schlüs­sel­texte. Schlüs­sel­texte sind sie alle, weil sie bei Erscheinen einen Sachver­halt erst­mals beleuchtet, eine Frage neu for­muliert oder die bish­erige Musik­wis­senschaft gegen den Strich gebürstet haben oder eine Diskus­sion in Gang bracht­en. Dazu gehören auch einige englis­chsprachi-
ge Artikel, erst­ma­lig ins Deutsche über­set­zt. Zum anderen, und das ist die eigentliche Leis­tung der Her­aus­ge­ber, wird die Samm­lung zum Read­er durch die Einord­nung, Kom­men­tierung und Erläuterung der Artikel aus heutiger Sicht mit heutigem Forschungs­stand in den Kon­text und die Pub­likationsgeschichte. So find­et sich beispiel­sweise die Erk­lärung, warum Sophie Drinkers Buch Music and Women von 1948 zunächst keine allzu große Beach­tung fand, son­dern erst der soge­nan­nte Sec­ond Wave Fem­i­nism wirk­lichen Schwung in die musik­wis­senschaftliche Frauen­forschung brachte. Die Ein­leitung und die jew­eils ca. drei- bis fün­f­seit­i­gen Ein­führun­gen genau­so wie das alle Artikel umfassende Stich­wortreg­is­ter helfen beim Auffind­en und Entwick­eln neuer Blick­winkel und Aspek­te.
So dient das Buch zum einen als ide­al­er Ein­stieg für Studierende oder einen Per­so­n­enkreis, der sich bish­er mit der The­matik noch zu wenig beschäftigt hat, es dient aber auch dem Musik-Gen­der-Spezial­is­ten als her­vor­ra­gende Ergänzung und Kom­pilierung zu bere­its bekan­ntem Mate­r­i­al.
Vio­la Karl