Berio, Luciano

Musica Leggera

Canone per moto contrario e a rovescio (con un breve intermezzo) per flauto e viola, con accompagnamento di violoncello e di tamburo basco sempre ppp, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2004
erschienen in: das Orchester 03/2005 , Seite 77

Als Geburt­stagsständ­chen für den siebzigjähri­gen Gof­fre­do Petrassi ent­stand 1974 die nun von der Uni­ver­sal Edi­tion vorgelegte Musi­ca Leg­gera. Die bei­den Melodie­in­stru­mente, Flöte und Vio­la, wer­den vom Vio­lon­cel­lo durch einen Bor­dun-Bass mit spiccato‑, pon­ti­cel­lo- und pizz. leg­no bat­tuta-Anweisun­gen rhyth­misch unter­malt, im let­zten Drit­tel gesellt sich noch ein „Tam­buro bas­co“ hinzu. Zur schlicht­en, tänz­erischen Melodie der Flöte spielt die Vio­la die zweite Stimme in Umkehrung und Gegen­be­we­gung. Im Mit­tel­teil wird der leicht­füßige Aus­druck aufgegeben zugun­sten ein­er expres­siv­en Kantabil­ität, die einen impro­visatorischen Charak­ter annimmt und dynamisch aus­geweit­et wird, sich beruhigt und wieder in den stren­gen Kanon ein­mün­det, dies­mal in der dop­pel­ten Länge des ersten Teils.
Trotz der Kürze trägt das kleine Werk (etwa vier Minuten Dauer) Luciano Berios unver­wech­sel­bare Hand­schrift. Wie Joachim Noller in Kom­pon­is­ten der Gegen­wart schreibt, „wurde Luciano Berio vom Groß­vater Adol­fo und Vater Ernesto, bei­de kom­ponierende Musik­er, geprägt. Während die Walz­er und Messen des Älteren, im Alltäglichen ver­wurzelt, eine ele­mentare Musizier­form verkör­pern, waren die Lied­kom­po­si­tio­nen des Vaters mehr ein­er akademisch-kul­tur­bürg­er­lichen Hal­tung verpflichtet. In dieser Kon­stel­la­tion sind die bei­den Pole des ‚Rohen‘ und des ‚Gekocht­en‘ präfugeriert, die Berio später in kul­turellen Syn­the­sen span­nungsvoll zusammenführt.“
Wie der Kom­pon­ist das tänz­erische Ele­ment mit stren­gen kon­tra­punk­tis­chen Mit­teln zu ein­er span­nungsvollen Ein­heit verbindet und mit dem gedämpften Vio­lon­cel­lo im ppp, das qua­si als Schla­gin­stru­ment ver­wen­det wird, eine fast unwirk­liche Stim­mung erre­icht, zeigt seine große Meis­ter­schaft in diesem kleinen Gele­gen­heitswerk. Vielle­icht drückt auch die „Leichtigkeit“, in der Ern­sthaftigkeit und handw­erk­lich­es Kön­nen hin­durch­scheinen, die Charak­tereigen­schaften und die Kom­po­si­tion­skun­st des Wid­mungsträgers Gof­fre­do Petrassi aus.
Thomas Richter