Drüner, Ulrich

Mozarts Große Reise

Sein Durchbruch zum Genie 1777-1779

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Köln 2006
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 82

Um eine Biografie schreiben zu kön­nen, muss man Leben und Schaf­fen eines Kom­pon­is­ten zutief­st ken­nen und sich den­noch einen offe­nen Blick bewahren – fast ein Ding der Unmöglichkeit. So ist es erst ein­mal erfreulich zu ver­melden, dass Ulrich Drün­er, Ver­trauter des 2004 ver­stor­be­nen großen Mozartiana-Samm­lers und Auto­grafen­händlers Albi Rosen­thal, gle­ich von Anfang seines Buchs an mit ver­schiede­nen Mythen abrech­net – wie lange bin ich es schon leid, ständig jenes Falco/Peter Shaf­fer-Amadeus-Bild ertra­gen zu müssen, was eben­so wie die Mozartkugel nie auch nur ansatzweise Teil Mozarts war.
Drün­er befasst sich detail­liert, vor allem anhand von Briefz­i­tat­en und Bericht­en von Zeitgenossen, mit den Jahren 1777 bis 1779 und damit mit der wichti­gen, viele Weichen stel­len­den Reise nach Paris – eine äußerst lohnende und wichtige Angele­gen­heit (er greift mit dem Buchti­tel den Begriff der „Grand Tour“, der Bil­dungsreise der Ober­schicht im 18. Jahrhun­dert nach Ital­ien, auf). Doch so sehr Drün­er seine Liebe zum Objekt anzumerken und sein Ein­satz auf ganz­er Lin­ie zu loben ist, so ver­fällt er doch immer wieder in die Hal­tung, die bish­erige Mozart-Biografik prinzip­iell abzulehnen oder irrel­e­van­tere biografis­che Ver­suche durch vielfache Bezug­nahme erst wieder in den Fokus zu rück­en, statt die pos­i­tiv­en Erschei­n­un­gen ver­stärkt zu beto­nen. Dass er sich haupt­säch­lich auf ältere Lit­er­atur beschränkt, mag ein zusät­zlich­er Nachteil sein – die neuere Mozart-Lit­er­atur wird nur in den ein­lei­t­en­den, offen­sichtlich nachträglich ver­fassten Seit­en aufge­grif­f­en; das Skript des Haupt­teils des Buchs scheint schon länger fer­tig gewe­sen zu sein.
Dass in jed­er Biografie dadurch, dass jedes Fakt eigentlich belegt wer­den muss und dies oft nur durch Ver­merke aus drit­ter Hand möglich ist, leicht Fehler in der Über­liefer­ung ste­hen bleiben kön­nen, liegt auf der Hand – nicht umson­st ist in Deutsch­land die Kul­tur der her­aus­ra­gen­den Musiker­bi­ografien etwas zurück­ge­gan­gen. Und dass die Glaub­würdigkeit von Zeu­gen, ger­ade auch, wenn sie keine direk­ten Zeitzeu­gen sind, wenig­stens ansatzweise in Zweifel gezo­gen wer­den muss, bietet eine zusät­zliche Schwierigkeit. Vielfach wen­det sich Drün­er frühen Quellen der Mozart-Rezep­tion zu unter der Prämisse, „dass eine Darstel­lung als richtig hin­genom­men wer­den muss, solange kein Motiv zu Ver­fälschun­gen erkennbar ist. Das Nicht-Passen in ein bes­timmtes Bild ist kein Grund zur Ablehnung.“ (S. 226)
Dass hierin zahlre­iche renom­mierte Mozart-Forsch­er nicht leicht­en Herzens ein­er Mei­n­ung sein bzw. leichter Motive zur Ver­fälschung wahrnehmen wer­den, fördert den Diskurs über Mozart und wirft inter­es­sante Schlaglichter auch auf den Autor. Denn Drün­er weist die von ihm zitierten Quellen nicht detail­liert nach, man muss sich die genan­nten Quellen müh­sam her­aus­suchen, um seine Argu­men­ta­tion auch werten zu kön­nen. Die Anmerkung auf S. 16 weist überdies darauf hin, dass die Mozart-Zitate zwar unverän­dert, andere Quellen aber redak­tionell bear­beit­et wiedergegeben wer­den.
Angesichts schw­ergewichtiger Konkur­renz hat es die Pub­lika­tion des „Quere­in­steigers“ Drün­er ger­ade im Mozart-Jahr etwas schw­er sich zu behaupten, doch mag sein unkon­ven­tioneller Ansatz ein beson­der­er Anreiz zur erneuten Auseinan­der­set­zung mit dem „ewigen Rät­sel“ Mozart sein.
Jür­gen Schaarwächter