Geck, Martin

Mozart

Eine Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2005
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 82

Als es im Jahr 2000 galt, des 250. Todestags Johann Sebas­t­ian Bachs zu gedenken, trat Mar­tin Geck, ein­er der pro­fil­iertesten deutschen Musikolo­gen, mit ein­er gewichti­gen 800-seit­i­gen Mono­grafie an die Öffentlichkeit. Auch heuer, zum Mozart-Jahr, leis­tet Geck seinen biografis­chen Beitrag, doch dies­mal genügt ihm, obwohl doch Mozarts Leben sehr viel reich­er doku­men­tiert ist, der halbe Umfang. „Nicht seichter, aber leichter“, so der Autor, und damit „dem Gegen­stand angemessen“ sei sein neues Buch konzip­iert.
An der Kun­st, „das Schwere angenehm zu machen“, ver­sucht Geck sich, und lässt sich dabei von F. W. Bern­stein unter­stützen. Ganz unprä­ten­tiös wirken dessen in schwarz-weißer Mis­chtech­nik gehal­te­nen Illus­tra­tio­nen, die die herkömm­liche Mozart-Ikono­grafie mit Ele­menten von Car­toon und Com­ic auf­brechen. „Har­le­quin kom­poniert“: So hat­te Geck sein Mozart-Buch ursprünglich nen­nen wollen, schreck­te dann aber doch vor dem erwart­baren Missver­ste­hen solchen Titels ab. Denn auf eine „Darstel­lung von Leben und Werk auf neuestem Forschungs­stand“ ist es ser­iöser­weise abge­se­hen, wenn auch der Fokus auf des Autors These liegt, man komme Mozarts Musik am besten aus ein­er Sicht bei, die ihre „har­le­quinesken Züge“ betone, ihre Frei­heit, ihr lustvoll spielerisches Moment.
Nicht zufäl­lig hat Geck diese Über­legun­gen ins Zen­trum gestellt, einen eige­nen „Ästhetik“-Abschnitt, der zwis­chen die jew­eils recht ger­afften Teile „Biografie“ und „Werk“ tritt. Der aufs Wesentliche konzen­tri­erte Lebens­abriss gehört zu den gelun­gen­sten Teilen des Buchs: nicht angesichts der Ewigkeit mit der Bescheid-Wis­senschaft des Nachge­bore­nen erzählt, son­dern in einem his­torischen Präsens, das den Blick auf die Kontin­genz von Entwick­lun­gen lenkt. Noch kur­sorisch­er fällt der „Werk“-Teil aus, in dem wegen der „gen­uinen The­ater­hal­tung“ der mozartschen Musik das Opern­schaf­fen dominiert und erst danach der Blick auch auf Klavierkonz­erte, Quar­tette, späte Sin­fonien und geistliche Werke gelenkt wird.
Harlekinesk ver­fährt Geck selb­st in sein­er sehr pri­vat­en „Disko­gra­phie von A bis Z“, die etwa eine Auf­nahme des Ave verum mit dem let­zten Kas­trat­en der „Cap­pel­la Sisti­na“ emp­fiehlt. Aber nicht alles lässt sich im Zeichen des „Harlekin“ recht­fer­ti­gen. Der Ein­druck verdichtet sich bei der Lek­türe, als sei das Vor­liegende der Anlauf zu einem größeren Buch, das aus aktuellem Jubiläum­san­lass eine Vor­ab­veröf­fentlichung im Sta­di­um seines Wach­sens erfahren hat. Die Fülle der Ideen und Assozi­a­tio­nen, die der vielfach bele­sene und neugierige Autor aus den Bere­ichen der Lit­er­atur, der Philoso­phie oder der aktuellen Kun­st­the­o­rie an sein The­ma her­anträgt, frap­piert, wirkt aber oft ein wenig willkür­lich und sprung­haft zusam­mengestellt. Hin­we­gle­sen muss man ab und an über miss­glück­te Satzkon­struk­tio­nen, die der Kor­rek­tur ent­gan­gen sind, und irri­tieren lassen darf man sich nicht, wenn der Name von Mozarts Schwest­er abwech­sel­nd in drei ver­schiede­nen Schreib­weisen erscheint.
Meriten hat diese elo­quent und for­mulierungsmächtig vor­ge­tra­gene Mozart-Darstel­lung den­noch genug. Was sie sich­er nicht ist: ein abgek­lärtes Stan­dard­w­erk der Mozart-Biografik, das auch dem Laien als Ein­führung dienen kön­nte. Wer sich aber als Ken­ner in einen span­nen­den, zum eige­nen Wei­t­er­denken anre­gen­den Diskurs über Mozarts Kun­st ein­schal­ten möchte, dem seien Gecks Aus­führun­gen nach­drück­lich emp­fohlen.
Ger­hard Dietel