Konrad, Ulrich

Mozart-Werkverzeichnis

Kompositionen, Fragmente, Skizzen, Bearbeitungen, Abschriften, Texte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2005
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 80

So viel Mozart war nie wie in diesem Jahr. Nach Durch­sicht aller anlässlich des Jubiläum­s­jahrs erschiene­nen wichti­gen oder über­flüs­si­gen Biografien und Romane, in denen sich Musik­wis­senschaftler, Jour­nal­is­ten oder Kochbuchau­toren mit Mozart befassen, kann man sich nur Ulrich Kon­rad anschließen: Hin und wieder bedarf es provozieren­der The­sen, die das Nach­denken über große Kün­stler (wie Mozart) kraftvoll anstoßen.
In seinem dre­it­eilig angelegten Buch über Leben, Musik und Werkbe­stand des Kom­pon­is­ten huldigt der renom­mierte Musik­wis­senschaftler erfreulicher­weise wed­er dem gängi­gen Mozart-Bild vom Göt­ter­liebling noch gibt er sich zufrieden mit Schein­wis­sen und beque­men Erk­lärun­gen. Dankenswert­er­weise ver­mei­det es der Autor, die vie­len Lück­en um Mozarts Leben mit erzäh­lerisch-speku­la­tiv­er Fan­tasie zu schmälern. Das sei auch gar nicht nötig – schließlich, so Kon­rad, sei von keinem Musik­er des 18. Jahrhun­derts so viel ver­gle­ich­bar aus­sagekräftiges Mate­r­i­al, was die Über­liefer­ung an primären und sekundären Quellen betr­e­ffe, erhal­ten geblieben.
Kon­rad schildert in seinem Buch, das wohl zu den besten der Mozart-Neuer­schei­n­un­gen gehört, anschaulich, wie die Mozart-Forschung trotz der gün­sti­gen Quel­len­lage doch vor manchen unüber­windlichen Schwierigkeit­en stand: Immer noch speku­la­tiv bleibe Mozarts Ver­hält­nis zu Salieri oder die wirk­liche Ursache der finanziellen Mis­ere des Gutver­di­enen­den. Und vor allem die Entste­hung­sum­stände des Requiems lägen weit­ge­hend im „Halb­dunkel bloßer Ver­mu­tun­gen“.
Weit­er beschäftigt sich Kon­rad mit dem Faszi­nosum der Wirkungs­geschichte im Falle Mozart: Hier­für macht er das zu allen Zeit­en von der Musik Mozarts uner­schöpfliche Ange­bot an unter­schiedlichen Pro­jek­tions­flächen ver­ant­wortlich. Er führt dabei Beispiele an, inwiefern sich Dichter und Philosophen mit dem Werk und der Kün­stlerex­is­tenz Mozarts auseinan­der set­zten, bis hin zur Pop­u­lar­isierung der „Musik-Idiome“ Mozarts durch The­ater­stück und Kinofilm Amadeus, wohl der „zeit­geistig­ste“ Ver­such ein­er „Ent­mythol­o­gisierung“ des damals gängi­gen Mozart-Bildes. Kon­rad warnt deshalb nicht grund­los vor dem Reduk­tion­is­mus auf ein einziges Ver­ste­hens­mod­ell und mah­nt die vie­len Mozart-Biografen zur Selb­stkon­trolle.
In kurzen, präg­nant über­schriebe­nen Artikeln zeich­net Kon­rad Mozarts Lebensweg ana­log der jew­eils ent­stande­nen Werke nach. Akribisch beschäftigt sich Kon­rad mit Abstam­mung und Ver­wandtschaft Mozarts, belegt die Fak­ten über musikalis­che Grun­daus­bil­dung des Knaben Wolf­gang Amadé, berichtet aus­führlich über die ersten Reisen jenes jun­gen Men­schen mit den „superieuren Tal­en­ten“, dessen Spiel eine „Aura des Wun­der­baren“ umgab. Sehr infor­ma­tiv die vie­len Tabellen, die schnell und über­sichtlich Auskun­ft geben über jene „Kava­lier­s­touren“ und „Bil­dungsreisen“, wie Kon­rad die Reisen Mozarts nicht sel­ten beze­ich­net.
Was dieses Mozart-Buch allerd­ings beson­ders lesenswert macht, ist sein zweit­er Teil, in dem es um die Grundzüge von Mozarts Kom­po­si­tion­sstil geht, um jenes bre­ite Spek­trum an Fak­turen für Ken­ner und Nichtken­ner, das „Mit­teld­ing“, Gele­gen­heit­sar­beit­en, um „Alte“ und „Mod­erne“ Musik, um jene pro­duk­tive Ver­schmelzung von „gelehrtem“ und „galantem“ Stil. Obwohl Kon­rad der Ansicht ist, dass sich die in ihrer Ver­schieden­heit so reich­haltige Musik Mozarts jedem Ver­such der ein­deuti­gen musikhis­torischen Veror­tung und jeglich­er Beschrei­bung ihres kun­sthaften „Gemacht­seins“ entziehe, gelingt es ihm in diesem zweit­en Teil beispiel­haft, die ver­schiede­nen Stil­phasen von Mozarts Œuvre zu erk­lären. Ob die Frage der „Gat­tung­shöhe“ zu Mozarts Zeit, ob die for­malen Gestal­tungsräume und ‑prinzip­i­en, der­er sich der Kom­pon­ist bedi­ente, ob Grund­sät­zlich­es zur Analyse des Ton­satzes – wer dieses Buch gele­sen hat, ob Musik­fre­und, ‑stu­dent oder ‑jour­nal­ist, bei dem wird sich jene „Sat­is­fak­tion“ ein­stellen beim Hören von Mozarts Musik, die, so Kon­rad, „Mozart ja selb­st schon fest­gestellt und beab­sichtigt hat­te“.
Der dritte Teil des Buchs, das aus­führliche Mozart-Werkverze­ich­nis, ist als han­dlich­es Taschen­buch auch einzeln erhältlich. In über­sichtlich­er Tabel­len­form wur­den hier die neuesten Forschungsergeb­nisse zum Werkbe­stand zusam­menge­führt. Das sys­tem­a­tis­che, nach Gat­tun­gen gegliederte Werkverze­ich­nis schließt nicht nur den bekan­nten Bestand ein, son­dern gibt Auskun­ft unter anderem auch über Frag­mente, Skizzen sowie die eigen­händi­ge Abschrift fremder Werke durch Mozart und lis­tet u.a. auch die Tex­tan­fänge von Gele­gen­heits­gedicht­en und Lust­spie­len­twür­fen auf, an denen der Kom­pon­ist sich einst ver­suchte.
Dag­mar Zurek