Angermüller, Rudolph

Mozart muss sterben

Ein Prozess

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: ecowin, Salzburg 2005
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 71

Medi­zin­er und Juris­ten haben bere­its musikalis­che The­men aus­geschlachtet: Die Krankheit­en der Kom­pon­is­ten wur­den posthum durch­leuchtet und der Ring des Nibelun­gen wurde im Lichte des deutschen Strafrechts bew­ertet. Nun liegt ein Buch vor über fin­gierte Mord­prozesse gegen Per­so­n­en aus Mozarts Umfeld. Hier muss bere­its die Kri­tik ein­set­zen: Wed­er Autor noch Gericht glauben näm­lich an ihre Schuld; im Gegen­teil, es soll ihre Unschuld bewiesen wer­den. Der einzige Mord­ver­dacht, der je geäußert wurde, betraf Salieri und war so unsin­nig wie alle anderen. Warum also wurde dieses Buch geschrieben?
Der Ver­fass­er wollte auf diese ungewöhn­liche Weise die Rand­fig­uren in Mozarts Leben biografisch durch­leucht­en. Dies wäre ein­fach­er zu bew­erk­stel­li­gen gewe­sen, als sich die beliebten Gerichtssendun­gen mit Bar­bara Salesch oder Alexan­der Hold zum Vor­bild zu nehmen. Jed­er Abschnitt begin­nt mit der Belehrung des Richters: „Sie müssen hier nicht aus­sagen, wenn Sie sich selb­st belas­ten. Sie müssen aber die Wahrheit sagen; wenn nicht, kön­nen Sie bestraft wer­den.“ Danach wird die Anklage erhoben und dem Angeklagten Gele­gen­heit gegeben sein Leben zu erzählen und die Anklage zurück­zuweisen. Am Ende sind Ankläger und Vertei­di­ger immer einig, dass die Anklage hin­fäl­lig ist, sodass ein Freis­pruch erfol­gt.
Dies sind aber nicht die einzi­gen Ein­wände gegen dieses Buch. Es bleibt meist unklar, wann der Prozess über­haupt geführt wird. Noch ver­wirren­der wird es, wenn der Autor erk­lärt: „Die Sprache wurde bewusst lock­er gehal­ten.“ Sein Stil ist All­t­agssprache von heute, gespickt mit Wörtern wie toll, astrein, kleinkari­ert, sauer, frus­tri­ert, motzen, gam­meln, Fete, Zoff, erste Sahne, Gag usw. Er wird jedoch nicht ein­heitlich durchge­hal­ten; immer wieder begeg­nen uns dazwis­chen auch ver­al­tete Wörter wie Pfründe, Nar­ren­pos­sen, Ton­set­zer, Schlagfluss, Beu­telschnei­der usw. Eben­so stechen die vie­len Zitate aus Briefen, Dekreten und Ähn­lichem sprach­lich arg ab.
Anfecht­bar ist auch die Auswahl der Angeklagten. Es ist ger­adezu grotesk, wenn Con­stanze Mozart, sein Freimau­r­er-Brud­er und Gön­ner Puch­berg, Schikaned­er, da Ponte oder Beau­mar­chais angeklagt wer­den. Auch die vie­len Mit­glieder der Sippe Con­stanzens sind ferne von einem Mord­ver­dacht, so wie der Fürst­bischof Hierony­mus Col­lore­do oder der Schaus­piel­er Karl Lud­wig Gieseke, der Ideen zur Zauber­flöte beiges­teuert hat. Wie kon­nte Rudolph Anger­müller, der im Klap­pen­text als „ein­er der weltweit besten Mozartken­ner“ und Gen­er­alsekretär des Mozar­teums vorgestellt wird, einen an sich guten Gedanken, näm­lich auf amüsante Weise Neben­fig­uren aus Mozarts Biografie lebendig zu machen, auf so abstruse Weise ins Werk set­zen?
Gün­ther von Noé