Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Clara Jaz

Mozart & Modern

Agata-Maria Raatz (Violine), Kurpfälzisches Kammerorchester, Ltg. Marcin Fleszar

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 2/2026 , Seite 72

Sie sei das Beispiel für eine „Künstlerin einer neuen Generation“, deren Aktivitäten „innovative Ideen mit Tradition“ verbinde. Mit diesen Worten wirbt Agata-Maria Raatz im Internet für ihre Tätigkeit als Geigerin, die sie unter dem Pseudonym Clara Jaz durch ein Wirken als Komponistin ergänzt. Diese Doppelfunktion als Composer-Performer – obgleich nicht wirklich neu, sondern historisch gesehen über weite Zeiträume hinweg die Norm – bringt Raatz auf ihrer zweiten CD erneut zur Geltung. Nachdem sie sich 2023 in einem vergleichbaren Projekt mit dem Widerhall von Bachs Soloviolinwerken befasst hatte, wendet sie sich nun zwei Violinkonzerten Mozarts (G-Dur KV 216 und A-Dur KV 219) zu, denen sie ihr eigenes Stück Reflexes 1766 gegenüberstellt.
Das Problem der Produktion liegt vor allem darin, dass es eine mittlerweile unüberschaubare Anzahl ähnlicher Einspielungen von Mozarts Werken gibt. Interpretatorisch gesehen unterscheidet sich der Ansatz von Raatz ­allenfalls in Details von der Wiedergabe, die man von Dutzenden anderer Interpret:innen hören kann: Technische Makellosigkeit sowie ein Hang zu Kantabilität und Klangsinnlichkeit bestimmen den Vortrag, der zudem mit einer Abwendung von den Idealen historisch orientierter Aufführungspraxis einhergeht. Das Kurpfälzische Kammerorchester musiziert diesem Ansatz entsprechend spannungsvoll, souverän und klanglich sehr ausgewogen, hebt sich aber auch nicht durch besondere interpretatorische Nuancen aus dem Gros der erhältlichen Aufnahmen ab. Was die Einspielung jedoch positiv von anderen aktuellen Zugängen unterscheidet, ist die Wahl der von Raatz selbst beigesteuerten Kadenzen und verzierten Fermaten: Aufgrund der Einbeziehung von Spieltechniken und virtuosen Momenten, die über den musikalischen Horizont der Mozartzeit hinausgehen, kommentiert die Geigerin die historische Musik aus der Perspektive einer Zeitgenossin. Sie nähert sich dadurch der Praxis aus dem 19. Jahrhundert an, ohne indes die Konzertsätze zu überfrachten, wie dies beispielsweise in den Kadenzen von Composer-Performern wie Joseph Joachim oder Eugène Ysaÿe der Fall ist.
Als ein solcher zeitgenössischer Kommentar ist auch die zwischen den beiden Mozart-Konzerten platzierte Komposition Reflexes 1766 gedacht: Unter Einbeziehung beeindruckender spieltechnischer Raffinessen und ohne Scheu vor illustrativen, allerhand Assoziationen auslösenden Momenten folgt die Musik den Spuren jener Reise, die der zehnjährige Mozart im fraglichen Jahr mit seiner Familie durch die Schweiz gemacht hat. Dass das Stück dabei, wie es im Booklet heißt, die Wahrnehmungen und Empfindungen einer Person widerspiegelt, „die Musik erschafft, in der modernen Welt lebt und die Klänge der Vergangenheit mit den Ohren von heute hört“, ist ein erfrischender Aspekt, der in der Tat dazu führt, dass man auch die beiden Konzerte anders wahrnimmt.
Stefan Drees

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