Mozart. Leben in der Musik

Eine klingende Biografie von Corinna Hesse, erzählt von Henning Westphal

Rubrik: CD-ROMs
Verlag/Label: Silberfuchs, Kayhude 2006
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 86

Wie schön war das, als die Eltern, als Tante oder Onkel oder auch nur die große Schwest­er des Abends etwas vor­lasen, als wir selb­st noch nicht in die Lage ver­set­zt waren, Texte allein zu lesen! Und später hörten wir trotz inzwis­chen erwor­ben­er eigen­er Lesekom­pe­tenz immer noch gerne die nach­mit­täglichen Lesun­gen im Rund­funk: Welche Entspan­nung bei Led­er­strumpf oder Step­pen­wolf, gele­sen von getra­ge­nen Stim­men in wech­sel­nden Stim­mungen, mal tief­trau­rig, mal heit­er, mal gebi­eter­isch.
Heute, da jed­er Zweite in Zug und Bus einen Kopfhör­er am Ohr hat und kein ordentlich­er PKW mehr ohne Sil­ber­scheiben-Spiel­er auskommt, hat das „Hör­buch“ in CD-Form einen unge­heuren Auf­schwung genom­men. Der Sil­ber­fuchs-Ver­lag macht schlau eine Tugend aus dem Trend, Büch­er lieber zu hören als zu lesen, und kom­biniert Text mit Musik – und wer anders als Mozart würde sich im Jahr 2006 anbi­eten, sel­biges zu verbinden?
Corin­na Hesse kom­prim­iert dieses Leben in der Musik, nimmt Mozart-Authen­tis­ches und ‑Biografis­ches, zitiert Briefe der Fam­i­lie. Aus­führlich natür­lich die ans „Bäsle“. Denn Sätze wie: „Mein Arsch bren­nt mich wie Feüer“, machen sich bei solchen Gele­gen­heit­en immer beson­ders gut.
Hesse verbindet diese mit Erzähltem und natür­lich mit der Musik, die oft im Hin­ter­grund mitläuft. Das Ganze ist eine Art biografis­ches Hör­spiel mit vie­len Beispie­len aus Kam­mer­musik, Kirchen­musik, Sin­fonik und Oper (gespielt von Inter­pre­ten quer durch die Bank: von Abba­do bis Gar­diner, vom Amadeus-Quar­tett bis zu Anne Sophie von Otter) – ein recht­es Buch zum Ken­nen­ler­nen des Salzburg­er Genies. Aber auch der Mozart-Ken­ner hat seinen Spaß beim (Mit-)Hören: Sog­ar musikalis­che Kor­re­spon­den­zen, etwa zwis­chen ein­er frühen Sin­fonie und der a‑Moll-Klavier­son­ate, die Mozart kurz nach dem Tod der Mut­ter kom­ponierte, wer­den erläuternd eingestreut. Allerd­ings kann ein auf 95 Minuten beschränk­tes Hör­erleb­nis eine mehrtägige Lek­türe ein­er „richti­gen“ Mozart-Biografie nicht erset­zen. Das würde auch kein­er erwarten. Kann hier doch sel­ten mehr als ein kurz­er Anreißer gegeben wer­den, der neugierig macht auf eine bes­timmte Musik.
Für Ein­steiger und Lese­muf­fel ist dieses Hör­buch also dur­chaus zu empfehlen: Es ver­mit­telt nichts Falsches, wenn auch vieles nur knapp angeris­sen wird und das meiste nur angedeutet wer­den kann. Doch wenn beim gegen­wär­ti­gen, all­ge­mein diag­nos­tizierten Konz­ertbe­such­er­schwund auch nur ein junger Inter­essiert­er hinzuge­won­nen wird, hat sich diese Pro­duk­tion schon bezahlt gemacht.
Hen­ning West­phal ist ein kom­pe­ten­ter Rez­i­ta­tor, dem allerd­ings eine wirk­liche Wan­del­barkeit seines Sprech­tons noch weit­ge­hend fehlt: Bei Mozarts Brief mit der Todesnachricht der Mut­ter beispiel­sweise ist kaum ein Ton von Trauer oder Erschüt­terung zu hören und auch keine Angst etwa vor der Reak­tion des Her­rn Papa. Das ansprechende Beglei­theft wurde grafisch gestal­tet von Roswitha Rösch.
Matthias Roth