Harnoncourt, Nikolaus

Mozart Dialoge

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Residenz, Salzburg 2005
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 82

Wirk­liche Harnon­court-Fanatik­er ken­nen dieses Buch bere­its in all seinen Einzel­teilen. Doch da der Berlin­er nie Kult-Diri­gent im Stil eines Kara­jan war (unter dessen Leitung er als Cel­list der Wiener Sym­phoniker spielte), dürfte diese Art von Fange­meinde, die jede Plat­te ken­nt, jedes Inter­view sam­melt und jede noch so kleine Äußerung des Mae­stro ins Poe­sie-Album der Musik ein­klebt, rel­a­tiv ger­ing sein. Nein, Harnon­court hat eher kri­tis­che, wache, denk­ende Hör­er, die sein­er Arbeit inter­essiert fol­gen und ihn als musikalis­che Per­sön­lichkeit schätzen, vielle­icht verehren, aber kaum vergöt­tern. Insofern ist diese Pub­lika­tion ein Gewinn, da sie Inter­views und Texte zu Konz­ert­pro­gram­men und Ein­spielun­gen seit den 70er Jahren ver­sam­melt, die alle sehr ver­streut erschienen sind.
Der Meis­ter warnt vor der Mei­n­ung, jemand könne die Wahrheit für sich gepachtet haben. Allen Gurus ste­ht er äußerst kri­tisch gegenüber: „So gut wir anscheinend erken­nen kön­nen, was falsch ist, so schlecht lässt sich das Richtige definieren… Nur der beson­ders raf­finierte Schwindler wider­spricht sich nie“, sagte er zur Eröff­nung der Salzburg­er Fest­spiele 1995. Jede Gen­er­a­tion, jede Zeit ken­nt ihre eigene Wahrheit, erläuterte er hier weit­er, und nichts, was heute als gültig im Sinne eines „gesellschaftlich abgesicherten Geschmacks“ ange­se­hen wird, wird mor­gen noch als solch­es anerkan­nt sein.
Vor allem aber seine Gespräche, die in Spiegel, Zeit, FAZ, Musik und The­ater, der Opern­welt, der Öster­re­ichis­chen Musikzeitschrift und vie­len anderen Orga­nen erschienen sind, sind heute äußerst auf­schlussre­ich und lassen oft einen pes­simistis­chen Grund­ton erken­nen: „Der Orch­ester­musik­er ist notwendi­ger­weise durch seinen Beruf ein verzweifel­ter Men­sch“, hieß es in der Zeit (1997), und er beklagt, dass der Enthu­si­as­mus, mit dem der junge Musik­er seine Stelle antritt, rasch durch eine auf Sicher­heit getrimmte Rou­tine erset­zt wird: „Es gibt da ein Entwed­er-Oder, das heißt: Schön­heit oder Sicher­heit. Jedes Mehr an Sicher­heit muss bezahlt wer­den mit Schön­heit. Das sind schlimme Ver­luste.“
Er selb­st ges­tand 2001: „Ich habe ja meine Orch­ester­stelle ver­lassen wegen der g‑Moll-Sym­phonie von Mozart, weil die immer so gespielt wurde, dass die Leute die nur hüb­sch und nett fan­den… Wieso wird hier eine Sym­phonie so dahin­plätsch­ernd gespielt, die die Hör­er zu Mozarts Zeit bis ins Inner­ste aufgewühlt hat, bei der damals gefragt wurde: Darf man so eine Musik kom­ponieren…?“
In vie­len Inter­views geht der Diri­gent auf musikalis­che Detail­fra­gen ein, etwa zur Instru­men­ta­tion (Wag­n­er schrieb einige frühe Opern um, weil die neuen, weit men­su­ri­erten Posaunen nicht seinem Klangide­al entsprachen), zum Tem­po (das Andan­ti­no wurde um 1810 ins Gegen­teil sein­er ursprünglichen Bedeu­tung verkehrt und plöt­zlich schneller, nicht wie zuvor langsamer als ein Andante gespielt) oder zu Retuschen (René Lei­bowitz instru­men­tierte für seine berühmten Beethoven-Auf­nah­men ganze Pas­sagen um). Er geste­ht auch offen, dass er mit ver­schiede­nen Kom­pon­is­ten seine Schwierigkeit­en hat, da er bei ihnen jenen „Musenkuss“ ver­misst, der eine „Affen­in­tel­li­genz“ erst in men­schliche Intel­li­genz ver­wan­delt: Dazu zählen für ihn etwa Lul­ly, Gluck, Berlioz oder Schön­berg, während er beispiel­sweise in der mod­er­nen Musik jede Note von Alban Berg oder Béla Bartók liebt (inzwis­chen wur­den diese Kom­pon­is­ten auch von ihm aufge­führt).
Vor allem im zweit­en und drit­ten Teil dieses Buchs ste­hen allerd­ings Mozarts Werke im Mit­telpunkt der Betra­ch­tun­gen. Es ist wun­der­voll, diese Texte und Gespräche zu lesen. Zu allen Fra­gen von Inter­pre­ta­tion und Stil, Instru­men­ta­tion und Urtext stellt sich hier mit Harnon­courts Leichtigkeit und Tief­gründigkeit ein Gefühl von Annäherung ein, eine Annäherung an das, was trotz aller Neu- und Umdeu­tung bleiben wird. Denn eines ist gewiss und Harnon­court weiß es zu for­mulieren: „Wir haben einen Schied­srichter, der immer Recht hat: Mozart.“
Matthias Roth