Mörike, Eduard

Mozart auf der Reise nach Prag

Eine Novelle. Gelesen von Sven Görtz (Wolfgang Amadeus Mozart: Opern: "Don Juan" et al. Gespielt vom SW-Studio-Orchester, Ltg. Klaus-Peter Modest)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: www.zyx.de
erschienen in: das Orchester 02/2005 , Seite 76
Das soeben zu Ende gegan­gene Mörike-Jahr (200. Geburt­stag am 8. Sep­tem­ber 2004) brachte neben ver­schiede­nen Gesam­taus­gaben seines nicht sehr umfan­gre­ichen lit­er­arischen Werks auch inter­es­sante musikalis­che Neuer­schei­n­un­gen; so z. B. eine CD mit Mörike-Gedicht­en in Ver­to­nun­gen sein­er Zeit („Nachti­gal­len­sang“, Bay­er Records BR140 004). Dabei wird deut­lich, dass Mörikes Verbindung zur Musik nicht nur durch die san­gliche Sprache sein­er Lyrik, die zahlre­iche Kom­pon­is­ten zur Ver­to­nung angeregt hat – Hugo Wolf, Robert Schu­mann, Hugo Dis­tler und viele andere –, gegeben ist. Der Dichter ließ sich oft von Opern­melo­di­en inspiri­eren, auch forderte er seinen Brud­er Karl sowie zahlre­iche Kom­pon­is­ten in seinem Fre­un­deskreis zur Ver­to­nung sein­er Texte auf. Um so erstaunlich­er, dass er selb­st kein­er­lei musikalis­che Begabung hat­te: „Die Noten schreibe ich wie ein Sim­pel hin, ich weiß nicht wie sie laut­en“, ges­tand er in einem Brief an seinen Fre­und Wil­helm Hartlaub.
Keineswegs als Sim­pel zeigt Mörike sich in vie­len sein­er Gedichte und vor allem in seinen Nov­ellen. Und unter Let­zteren ist es beson­ders Mozart auf der Reise nach Prag, die bis heute nicht nur musik­begeis­terte Leserin­nen und Leser entzückt. Die detail­lierte Ausar­beitung der Szener­ie, die his­torische Genauigkeit, in welche die fik­tive Hand­lung einge­bet­tet ist, die humor­volle Schilderung und nicht zulet­zt die Leichtigkeit der Sprache kön­nen uns auch heute noch begeis­tern. Mörike zeigt uns den rast­los ack­ern­den Kom­pon­is­ten, inner­lich gehet­zt und unruhig, ständig auf Reisen, um für seine Kun­st einzutreten. Doch auf dieser Reise nach Prag, wo er seinen Don Gio­van­ni zur Urauf­führung brin­gen möchte, find­et er auf dem Her­ren­sitz eines Lan­dadli­gen für einen Tag und eine Nacht Ruhe, Fre­und­schaft und – vielle­icht ein let­ztes Mal? – Glück­seligkeit. Denn par­al­lel zum düsteren let­zten Akt sein­er Oper mit dem Auftritt des Kom­tur, den Mozart den Anwe­senden im Schloss zum ersten Mal zu Gehör bringt, beschle­icht die junge Tochter des Haus­es die dun­kle Ahnung, dass das noch junge Leben dieses Genies bere­its seinem Ende entgegengeht.
Mörikes Nov­ellen sind mit ihren ineinan­der geschachtel­ten Hand­lungsebe­nen für jeden Erzäh-
ler eine große Her­aus­forderung. Sven Görtz meis­tert sie gekon­nt. Zwar klingt seine Sprache zunächst etwas aufge­set­zt und wirkt leicht selb­stver­liebt. Doch wie es ihm gelingt, den zahlre­ichen Per­so­n­en der Hand­lung eine je eigene Stimme, Sprach­melodie und Dialekt zu geben, wie er diese Nuancierun­gen bis zum Schluss kon­se­quent durch­hält und die teils altertüm­liche Sprache flüs­sig wiedergibt – das ist großar­tig gelun­gen und ver­lei­ht Mörikes Nov­el­le eine plas­tis­che Gegenwärtigkeit.
Ganz anders ver­hält es sich lei­der mit der beigegebe­nen Musik-CD. Aus der nahe liegen­den Oper Don Gio­van­ni sind nur zwei Stücke (Ouvertüre und Arie der Zer­line „Bat­ti, bat­ti, o bel Maset­to“) einge­spielt; die übri­gen zwölf Num­mern bilden eine Mis­chung von Ouvertüren und Arien aus sieben weit­eren Mozart-Opern, einge­spielt nicht nur von einem „SW-Stu­dio-Orch­ester“ (wie auf dem Umschlag angegeben), son­dern auch von der Capel­la Istro­pol­i­tana unter wech­sel­nden Diri­gen­ten. Die Zuord­nung bleibt dabei größ­ten­teils völ­lig unklar, das vier Seit­en umfassende Beiblatt, das Book­let zu nen­nen ver­messen wäre, strotzt eben­so wie die Umver­pack­ung vor Fehlern. Das alles ist lieb­los zusam­mengeschus­tert und schmälert den Wert des Ganzen dur­chaus. Wer jedoch darüber hin­wegse­hen kann und sich auf das eigentliche Hör­buch mit Mörikes Nov­el­le beschränkt, kann sich auf großen Hör­genuss freuen.
Rüdi­ger Behschnitt