Monika Rittershaus

Moving Music

Die Berliner Philharmoniker & Sir Simon Rattle

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Berliner Philharmonie gGmbH und Alexander Verlag
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 59

Musik­er im Gespräch mit Kol­le­gen. Musik­er, vorzugsweise Stre­ich­er, bei Ein­spielübun­gen oder in Wartepo­si­tio­nen vor ihrem Auftritt; Musik­er im Probe­nall­t­ag; Musik­er, über­wiegend schnappgeschossen, mitunter aber auch als kün­st­lerisch gestal­tetes Porträt kon­ter­feit, hat die büh­nen- und konz­ert­er­fahrene Fotografin Moni­ka Rit­ter­shaus in ihrem Bild­band Mov­ing Music über die Berlin­er Phil­har­moniker und ihren dem­nächst schei­den­den Chefdiri­gen­ten Simon Rat­tle ver­sam­melt.
Ob im Gesamtrudel, in der speziellen Gruppe oder als Einzel­gänger: Stets ergibt sich ein facetten­re­ich­es Abbild vom Innen­leben dieser tra­di­tion­sre­ichen Musik­er­re­pub­lik, von der die Musikjour­nal­istin Eleonore Bün­ing ein­lei­t­end schwärmt, sie sei eine „wun­der­bare Tat­sache“. Sie belegt es durch Hör- und Seherleb­nisse von Diri­gen­ten wie Her­bert von Kara­jan oder Simon Rat­tle („dieser dialek­tis­che Ideen­heck­er, dieses smarte, ständig gut­ge­launte Kom­mu­nika­tion­s­ge­nie“). Sie erwäh­nt die zahlre­ichen Neuerun­gen in den phil­har­monis­chen Betrieb­sabläufen, begeis­tert sich am weg­weisenden Edu­ca­tion-Pro­jekt Rhythm is it!, lobt die Erfind­ung der Dig­i­tal Con­cert Hall, das eigene Plat­ten­la­bel, die großen Tourneen…
Alles davon find­et in dem Bild­band seine Atmo­sphäre ein­fan­gende Wider­spiegelung. Oft wäh­nt man sich so in die Bilder hinein­ver­set­zt, als belausche man die Into­na­tions­fein­ab­sprache zwis­chen zwei Bratsch­ern in der Büh­nenkulisse des Fest­spiel­haus­es Baden-Baden oder könne die Gedanken des Solo­bratsch­ers Ami­hai Grosz bei sein­er Cof­fee-to-go-Entspan­nung auf den Trep­pen­stufen im Back­stage­bere­ich der Sym­pho­ny Hall von San Fran­cis­co lesen. Nicht weniger ein­drucksvoll das entspan­nende Pausen­nick­erchen des Klar­inet­tis­ten Alexan­der Bad­er während der Chi­na-Tournee im Shang­hai Grand The­atre.
Etwas müh­sam ist es allerd­ings, die entsprechende Spiel­stätte erst in der „Unterwegs“-Liste im Anhang her­aus­suchen zu müssen. Unter den knap­pen Bild­hin­weisen wäre dafür genü­gend Platz gewe­sen. Störend ist auch, dass die Bril­lanz viel­er Bilder (vornehm­lich der Schnapp­schüsse) zu wün­schen übrig lässt. Doch vielle­icht sollte der Weichze­ich­ner­ef­fekt bewusst als kün­st­lerisches Gestal­tungsmit­tel einge­set­zt wor­den sein?
Ergänzt wird der schw­ergewichtige „Bilder­bo­gen“, der überdies mit ungewöhn­lichen Blick­winkeln in die Architek­tur der bespiel­ten Konz­ert­säle sowie mit inter­es­san­ten Aktion­sstu­di­en des Mae­stro nicht spart, durch deutsch-englisch wiedergegebene Inter­views mit Pul­ter­sten, Tut­tispiel­ern, Orch­ester­akademis­ten. Dabei geht es um Beruf­swerdegänge, Vere­in­barkeit von Beruf und Fam­i­lie, psy­chis­che Wech­sel­wirkun­gen von solis­tis­chen Auftrit­ten und Tut­ti­di­enst oder die Prob­leme eines Probezeitar­beit­ers. Den Namen der Fragestel­lerin (Lena Pelull) ent­deckt man allerd­ings erst an ver­steck­ter Stelle im Impres­sum.
Nichts­destotrotz: Zur Vor- oder Nach­bere­itung eines Konz­ertabends mit den Berlin­er Phil­har­monikern sollte man den Band stets griff­bere­it hal­ten.
Peter Buske