Mendelssohn, Arnold

Motetten zur Weihnacht / Deutsche Messe op. 89

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classics SACD 93.293
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 69

Um die Bach-Pflege haben sich auch noch spätere Gen­er­a­tio­nen der Mendelssohns ver­di­ent gemacht. Arnold Lud­wig Mendelssohn, Sohn eines Vet­ters 2. Grades von Felix Mendelssohn, ist noch einen Schritt weit­er gegan­gen als Felix und hat als Vor­standsmit­glied des Ver­bands der Evan­ge­lis­chen Kirchenchöre entschei­den­den Ein­fluss auf die Ver­ankerung des Werks von Bach und Schütz im gottes­di­en­stlichen Leben genom­men.
Eine gründliche musikalis­che Aus­bil­dung hat­te der 1855 geborene Arnold Mendelssohn am Insti­tut für Kirchen­musik in Berlin erhal­ten. Schon mit 25 Jahren war er Uni­ver­sitäts­di­rek­tor in Bonn und Organ­ist an der dor­ti­gen Kreuzkirche gewor­den, es fol­gten Anstel­lun­gen als Musikdi­rek­tor in Biele­feld, als Kom­po­si­tion­slehrer am Kon­ser­va­to­ri­um in Köln, und ab 1890 schließlich die lebenslang (er starb 1933) gehal­tene Funk­tion des „Kirchen­musik­meis­ters für die Evan­ge­lis­che Lan­deskirche in Hes­sen“, die für ihn in Darm­stadt, dem neuen Wirkung­sort, willkommen­er Anlass für zahlre­iche eigene kirchen­musikalis­che Kom­po­si­tio­nen und zur Auf­führung der Werke von Schütz und Bach gewe­sen war.
Das Vor­bild von Hein­rich Schütz stand Pate in sein­er Titel­ge­bung Geistliche Chor­musik für die Samm­lung von Motet­ten, die Mendelsso­hin den Jahren 1923 und 1924 kom­poniert hat. Drei acht­stim­mige Werke aus diesem Opus 90 hat nun das SWR Vokalensem­ble Stuttgart veröf­fentlicht und sie mit Mendelssohns 1923 im Druck erschienen­er Deutschen Messe op. 89 für acht­stim­mi­gen gemis­cht­en Chor gekop­pelt. Als Gast ans Pult geholt hat man sich hier­für Frieder Bernius. Die Auf­nah­men ent­standen sukzes­sive in den Jahren 2008 bis 2011 und sie lassen erken­nen, dass es Bernius hier mit unter­schiedlichen Beset­zun­gen des SWR Vokalensemb­les und auch tech­nisch unter­schiedlichen Aufze­ich­nungspa­ra­me­tern zu tun hat­te. Jen­er spek­takulären und atem­rauben­den Klang­ho­mogen­ität und jen­er kristalli­nen Trans­parenz der Tex­tur, die Bernius gewöhn­lich mit seinem Kam­mer­chor Stuttgart erre­icht, begeg­net man hier nicht im sel­ben Maße. Vor allem im Forte neigt das SWR Vokalensem­ble bisweilen zu ein­er weniger die Lin­ien auf­fäch­ern­den, als sie vielmehr legieren­den Klang­philoso­phie. Und das liegt wohl gewiss nicht allein an der äußerst kom­plex­en Satzstruk­tur, die Arnold Mendelssohn sein­er Musik ein­schreibt.
Bernius gelingt auf der anderen Seite auch mit diesem, seine Eige­nart eines Solis­te­nensem­bles ver­gle­ich­sweise nicht immer ganz so per­fekt zurück­drän­gen kön­nen­den Klangkör­p­er eine ruhige und schwe­bungsarme Ton­fokussierung. Er schafft mit den fein­nervig aus­ge­sun­genen Phrasen und Klang­bö­gen, den lock­er ver­ket­teten Ton­girlan­den, der dynamisch lebendig abgestuften und im Aus­druck voller leuch­t­en­der Inten­sität gehal­te­nen, aber, wo es angemessen erscheint, in den Kon­turen bewusst auch ein­mal nur schemen­haft bleiben­den Herange­hensweise, mit sein­er stets unter leb­hafter Span­nung gehal­te­nen Auf­schlüs­selung der vielfälti­gen kom­pos­i­torischen Struk­tur und nicht zulet­zt der im Ges­tus zielführen­den Konzen­tra­tion auf eine dif­feren­zierte Ausle­gung des zugrunde liegen­den Textes eine durch­weg fes­sel­nde Atmo­sphäre.
Thomas Bopp