Grieg, Edvard

Morgenstimmung

Peer Gynt op. 23 Nr. 13, Faksimile der autographen Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peters, Frankfurt am Main 2007
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 85

„Lieber Herr Grieg! Ich schreibe Ihnen, um Sie zu fra­gen, ob Sie sich an einem Pro­jekt beteili­gen wollen, das ich auszuführen gedenke. Es han­delt sich um fol­gen­des: Ich beab­sichtige, ‚Peer Gynt‘ […] für die Bühne zu bear­beit­en. Wür­den Sie die nötige Musik dazu schreiben?“ Dieser Brief vom 23. Jan­u­ar 1874 bedeutet nichts weniger als die Geburtsstunde für eine der beliebtesten nor­wegis­chen Musiken über­haupt. Denn als Hen­rik Ibsen seine fan­tastis­che Dich­tung zu einem fün­fak­ti­gen Büh­nen­dra­ma über­ar­beit­ete, benötigte er eine ver­i­ta­ble Schaus­piel­musik – beste­hend aus Vor- und Zwis­chen­spie­len, Tänzen, Gesän­gen, Melo­dra­men und gele­gentlich auch nur musikalis­ch­er Unter­malung. Die ins­ge­samt 23 Num­mern, die in den fol­gen­den zwei Jahren ent­standen, bilde­ten für Grieg gewis­ser­maßen den Höhep­unkt sein­er lang ersehn­ten, doch nie real­isierten Kar­riere als Büh­nenkom­pon­ist: Bere­its 1872 hat­te er eine Szenen­musik zu Bjørn­st­jerne Bjørn­sons Dra­ma Sig­urd Jor­sal­far geschrieben, aus dem Jahr 1873 datieren die weni­gen Num­mern zu der Frag­ment gebliebe­nen Oper Olav Tryg­va­son.
Die Urauf­führung des Peer Gynt und sein­er Musik fand am 24. Feb­ru­ar 1876 in Oslo statt – ins­ge­samt fünf Stun­den und ein durch­schla­gen­der Erfolg (allein in jen­em Jahr wurde das Werk 37 Mal gegeben). Erst 1888 stellte Grieg aus den zahlre­ichen einzel­nen, teil­weise stark mit dem Büh­nengeschehen verknüpften Num­mern eine vier­sätzige Suite zusam­men, die im Leipziger Gewand­haus unter der Leitung von Carl Rei­necke erst­mals erk­lang; die zweite Suite fol­gte 1893.
So ist es eine schöne Idee, zum Grieg-Jahr (100. Todestag) ein Fak­sim­i­le ger­ade der beliebten Mor­gendäm­merung her­auszubrin­gen – ein Stück, das oft­mals als Klang gewor­dene nor­wegis­che Land­schaft rezip­iert wird, das aber im Dra­ma zu Beginn des 4. Akts die ersten Stun­den des Tages an der Süd­west­küste Marokkos (!) darstellt. Doch auch das Fak­sim­i­le ist eine Masker­ade, han­delt es sich doch nicht um das Stück aus der Suite (bei dem kurz vor Schluss noch elf weit­ere Tak­te ein­fügt wur­den), son­dern um das Auto­graf der Büh­nen­musik, die Grieg für eine Auf­führung im Jan­u­ar 1886 im Kopen­hagen­er Dag­marthe­ater rev­i­dierte. Dies bele­gen zahlre­iche Rasuren, die vor allem Verän­derun­gen in der Instru­men­ta­tion und der Begleit­be­we­gung nach sich zogen.
Man muss das knapp gehal­tene Nach­wort von Finn Ben­es­tad schon genau lesen, um diese etwas ver­wor­re­nen Zusam­men­hänge zu begreifen – und den­noch bleiben Fra­gen offen. Denn warum notierte der Kopen­hagen­er Kapellmeis­ter bei der Auf­führung eine „14“ auf der Titel­seite, wo es sich doch eigentlich um das op. 23/13 han­delt? Die Qual­ität der gegenüber dem Orig­i­nal verklein­erten Repro­duk­tion ist ordentlich, die Aus­gabe lediglich geheftet.
Michael Kube