Steinthaler, Evelyn

Morgen muss ich fort von hier

Richard Tauber: Die Emigration eines Weltstars

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Milena, Wien 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 72

Lange vor dem Phänomen der „drei Tenöre“ über­wand Richard Tauber sou­verän die Gren­zen zwis­chen E- und U‑Musik. Ein­er­seits galt er in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als ein­er der bedeu­tend­sten Mozart-Tenöre, ander­er­seits feierte er bald weltweit als Inter­pret der Musik des Kom­pon­is­ten Franz Léhar größte Tri­umphe. Trotz aller Erfolge und Pop­u­lar­ität war Tauber nicht unum­strit­ten: Der Satirik­er Karl Kraus schmähte ihn als „Schmalztenor“, während der Stim­m­ex­perte Jür­gen Kest­ing nicht nur den Léhar-Inter­pre­ten lobte, dem es gelang, den „Kitsch vor der Unerträglichkeit zu bewahren“, son­dern auch den Mozart-Inter­pre­ten.
Eve­lyn Steinthaler hat nun eine neue, quel­lenkri­tis­che Biografie des Kün­stlers vorgelegt, die die Jahre des Exils mehr als bis­lang gewohnt ins Zen­trum rückt. Auch wenn sie den Ver­gle­ich der Bedeu­tung Taubers mit der von Caru­so enervierend oft wieder­holt, gelingt der Autorin anhand der Doku­mente und Mate­ri­alien aus dem Nach­lass des Sängers eine Annäherung an Tauber, die eine Verk­lärung meist mei­det. Steinthaler erzählt in Mor­gen muss ich fort von hier die Geschichte dieses Super­stars der 1920er Jahre detail­re­ich, aber zumeist mit genü­gend Dis­tanz.
Mit dem let­zten Auftritt Taubers als Don Ottavio in Mozarts Don Gio­van­ni bei einem Gast­spiel der Wiener Staat­sop­er im Lon­don­er Covent Gar­den endete am 27. Sep­tem­ber 1947 die Büh­nen­lauf­bahn des Tenors. Obwohl er damals nur noch einen Lun­gen­flügel hat­te, bele­gen Zeug­nisse die musikalis­che Inten­sität seines Gesangs. Ein halbes Jahr später starb er an Lun­genkrebs.
In ihrer Biografie zeich­net Steinthaler das Bild eines Unbe­hausten, eines The­aterkinds, une­he­lich als Sohn der Soubrette Bet­ty Seif­ferth und des späteren The­a­ter­di­rek­tors Richard Tauber geboren. Der Vater adop­tierte ihn schließlich 1913. Dass der Vater Jude – wenn auch römisch-katholisch getauft – war, wurde Tauber ab 1933 in Deutsch­land trotz sein­er immensen Pop­u­lar­ität zum Ver­häng­nis. Trotz einiger recht naiv anmu­ten­der Anbiederun­gen an das Naziregime war für ihn in Hitlers Deutsch­land und nach 1938 auch in Öster­re­ich kein Platz mehr. Die Jahre des Exils wer­den sprach­lich dicht nachgeze­ich­net, und es wird der Men­sch sicht­bar hin­ter dem von Tauber oft selb­st ges­teuerten medi­alen Bild. Natür­lich find­en die gewalti­gen Erfolge eben­so wie das tur­bu­lente Pri­vatleben entsprechen­den Raum, aber Steinthaler ver­mei­det das Voyeuris­tis­che. Auch die späte Wand­lung des unpoli­tis­chen Sängers, Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten wird deut­lich: Im englis­chen Exil find­et Tauber zu klaren Worten über die Nazidik­tatur. Tauber, dessen Ver­mö­gen von ein­er Mil­lion Reichs­mark von den Nazis beschlagnahmt wurde, erhielt nach dem Ende des Zweit­en Weltkriegs keine Entschädi­gung. Auch wur­den von Öster­re­ich keine Anstren­gun­gen unter­nom­men, ihn zurück­zu­holen.
Ein wichtiges Buch, das mit vie­len Leg­en­den und Verze­ich­nun­gen aufräumt. Steinthaler weist zurecht darauf hin, dass „der Name Richard Tauber für eine lang ver­lorene Form der Operette ste­ht, als diese noch von kün­stlich­er Übertrei­bung, friv­o­l­er Sinnlichkeit, unendlich­er Dra­matik, anar­chis­ch­er Ver­spieltheit und unbändi­ger Lebens­freude geprägt war“.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er