Wolfgang Bartels
Mit der Kamera in der Welt von Johann Sebastian Bach
Sich über Musik zu äußern, ist gleichermaßen leicht und schwierig. Wir tun das, indem wir dazu unsere eigene Sprache verwenden. Dieser für uns selbstverständliche semantische Bruch, wenn wir Musik mit Sprache kommentieren, ist letztlich Ausdruck unserer eigenen Unfähigkeit, quasi systemintern klingender Musik mit ebensolcher klingender Musik gegenüberzutreten.
Wolfgang Bartels vollzieht diesen Bruch in eine andere Richtung – er reagiert auf Musik, indem er mittels Fotografie ein mögliches geistig-imaginäres Umfeld von Bachs Musik einzufangen versucht. Die von ihm abgebildeten Objekte sind Gegenstände, Personen und Orte, die direkt oder indirekt, gelegentlich intuitiv, auf den Komponisten und sein Werk Bezug nehmen.
Der größte Teil der 170 Schwarz-Weiß-Aufnahmen dieses Bandes zeigt neben Bekanntem eine assoziative und häufig sehr persönliche Auseinandersetzung des Fotografen mit Bach, seiner Umwelt und seinem Werk, die aber dennoch für jeden Betrachter, der über ein flüchtiges Durchblättern des Buchs hinauskommt, gewinnbringend sein wird. Bartels ordnet seine Bilder vier Hauptbereichen zu: 1. Ursprung und Herkunft, 2. Bachs Wirkungsstätten, 3. Metaphern und 4. Protagonisten. – Die Vergangenheit selbst kann man nicht mehr fotografieren. So schleichen sich auf den Bildern historischer Gebäude gelegentlich elektrische Straßenlaternen und Verkehrsschilder ein. Sie sind Symbol einer Musik, die man „damals“ gehört hat, die aber auch heute noch „modern“ ist.
Um den „Geist Bach’scher Musik photographisch ein[zu]fangen“, sieht Bartels sich „gezwungen, oft mit Metaphern zu arbeiten, symbolhafte Situationen einzufangen, die den mystischen Geist seiner Musik aufgreifen“. Sein vorliegendes Buch versteht er als „eine Art Essay, das diese verschiedenen Sichtweisen miteinander kombiniert – man könnte fast sagen, wie in einer Bach’schen Fuge, in der mehrere Stimmen zu einer neuen Harmonie verschmelzen“.
Die fotografische Reaktion auf Musik aller Art, aller Zeiten und jeglicher Besetzung funktioniert. Bartels’ Buch ist in dieser Hinsicht nicht nur eine Auseinandersetzung mit Bachs Musik, sondern darf getrost als höchst gelungenes Lehrbuch verstanden werden, sich Musik aus einer anderen Perspektive und über ein anderes Sinnesorgan zu nähern. Dabei muss man sich auf diesen anderen und wortlosen Zugang zur Musik einlassen wollen! Nicht immer sind die Intentionen von Bartels sofort und quasi plakativ erkennbar. Man braucht Zeit, um sich auf diese neue Kommentierung von Musik einzustimmen.
Ralf-Thomas Lindner


