Walter Fink

Mit Anlauf Glück

Lebenserinnerungen eines Musikenthusiasten

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 3/2026 , Seite 69

Er war weit mehr als ein „Musikenthusiast“. Der Unternehmer Walter Fink (1930–2018) wirkte als einer der wichtigsten Privatmäzene der Neuen Musik und war dabei selbst ein beachtlicher Musiker. Schon mit elf Jahren hatte er Gottesdienste an der Orgel begleitet, mit zwölf spielte er öffentlich als Solist des Mozart-Klavierkonzerts. Nach Kriegsende dann stürzte er sich voller Neugier auf all die Musik, die in der NS-Zeit unerreichbar gewesen war: Barbers Streichquartett op. 11 zum Beispiel oder Hindemiths Mathis der Maler. Fink studierte Chorgesang und Dirigieren bei Kurt Thomas, Orgelspiel bei Helmut Walcha, lernte von Paul Kretzschmar und Klaus Martin Ziegler. Aktuelle Kirchenmusik spielte einige Zeit eine große Rolle bei ihm. Er tat sich selbst als Chorleiter und Dirigent hervor, führte 1964 in der Wiesbadener Lutherkirche alle sechs Brandenburgischen Konzerte auf und 1971 Webers „Freischützmesse“ im Kloster Eberbach.
All dies aber tat er „neben dem Beruf“ und anfangs tatsächlich heimlich. Denn der Erwartung des Vaters, die Leitung des Familiengeschäfts, Schuh Fink, zu übernehmen, konnte er sich nicht entziehen. Die Musik, so sagte Fink, habe ihm nicht nur geholfen, den Beruf zu ertragen, sondern habe ihn letztlich dabei auch inspiriert. Seine kreative Ader setzte er in der Firma unter anderem als Schuhdesigner und Dekorateur um. Beides, das Geschäft und die Musik, habe er „mit dem gleichen ethischen und künstlerischen Verantwortungsbewusstsein“ betrieben. Als Musikmäzen schließlich konnte er sein Unternehmertum und seine Musikleidenschaft glücklich vereinigen. 1987 war Fink einer der Mitbegründer des Rheingau Musik Festivals.
In der Musik wie im Beruf verstand sich Walter Fink als Avantgardist. Musikwerke, die sich einer bereits bekannten Sprache bedienten, interessierten ihn eigentlich nicht. Sentimentalität im Hören lehnte er ab. Ständig wollte er als Musikdenkender herausgefordert sein. „Nur Wohlbefinden zu erzeugen oder gar Glückseligkeit, ist nicht die Aufgabe von Musik“, sagte er. Auch das Klassische hatte für ihn stets neu und anders zu klingen. Fink besuchte und förderte die Darmstädter Ferienkurse und war fasziniert von Elementen Neuer Musik auch in der Kirchenmusik. Innerhalb „seines“ Rheingau-Festivals etablierte er einen Neue-Musik-Schwerpunkt, das „Komponistenportrait“. Jedes Jahr stand dort ein anderer Zeitgenosse im Zentrum: Ligeti, Kagel, Stockhausen, Henze, Penderecki, Reich, Pärt usw. Bis zuletzt hat sich Fink seinen „Hunger nach dem Anderen“ bewahrt. Noch im Alter setzte er sich für elektronische Musik und neue Medienkunst ein. Seine Lebenserinnerungen wurden vom Musikwissenschaftler Achim Heidenreich aufgezeichnet. Ein 100-Seiten-Büchlein, das Hoffnung weckt für die Zukunft der Musik.
Hans-Jürgen Schaal

 

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