Verdi, Giuseppe

Missa da Requiem

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello COV 30512
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 90

Über die The­atral­ität von Verdis Requiem ist viel geschrieben wor­den, und dabei blieb offen, ob die Nach­barschaft des Sakral­w­erks zur Bühne ein Nachteil bei der Ver­mit­tlung der geistlichen Botschaft sein muss. Die polemis­chen Vor­be­halte etwa des Wag­n­er-Diri­gen­ten Hans von Bülow gegen Verdis „neueste Oper im Kirchenge­wande“ sind inzwis­chen allen­falls ein drol­liges Aperçu in der Rezep­tion der Mis­sa da Requiem, auch wenn dem Stück immer noch das Aro­ma unangemessen­er Weltlichkeit und Effek­tlust geblieben ist.
Die Ein­spielung mit dem Sin­fonieorch­ester der Stadt Aachen unter der Leitung von Mar­cus Bosch set­zt erkennbar auf die the­atralis­chen Wirk­mit­tel der Par­ti­tur – etwa in den imag­inären Bühnen­ef­fek­ten des Dies irae, dem sieghaft auf­blühen­den Kyrie, dem drama­tis­chen Impuls des Tuba mirum oder dem lyrischen Ges­tus des Lacry­mosa-Quar­tetts. Der Livemitschnitt ein­er Auf­führung aus dem Aach­en­er Dom 2005 bezieht seine beste Wirkung aus der spür­baren Unmit­tel­barkeit der musikalis­chen Umset­zung. Hierin ist sie manch­er der zahlre­ichen Auf­nah­men auf dem CD-Markt gewiss über­legen.
Den­noch dürfte die Pro­duk­tion es schw­er haben, sich in der Konkur­renz mit anderen zu behaupten. Das liegt nicht so sehr an dem tra­di­tion­sre­ichen Orch­ester, auf dessen ruh­mvolle Ver­gan­gen­heit unter Diri­gen­ten wie Busch, Kara­jan oder Sawal­lisch das beigelegte Book­let stolz ver­weist und das hier mit ver­lässlich­er Kom­pe­tenz auf­spielt, obschon etwa im Dies irae die Schreck­ens­fan­faren schär­fer akzen­tu­iert und die ver­set­zten Läufe der Sanc­tus-Fuge präzis­er dif­feren­ziert sein kön­nten. Mag sein, dass da die Ton­tech­nik des Mitschnitts nicht immer ganz vorteil­haft gewirkt hat. Auch der Chor meis­tert seine dankbaren Auf­gaben dur­chaus bemerkenswert: Die vom Diri­gen­ten Bosch 1990 gegrün­dete „vocapel­la“ gehört zu den Plus­punk­ten dieser Ein­spielung und beein­druckt durch kom­pak­tes Zusam­men­wirken.
Das Prob­lem dieser CD sind die Solis­ten, und hier ist es vor allem der Bassist Mar­tin Bla­sius, der durch unge­naue Into­na­tion, angestrengte Höhe und mul­mige Fär­bung zu einem anhal­tenden Ärg­er­nis der Auf­nahme wird. Sein Tuba mirum gerät eben­so zu einem Härtetest auf die Musikalität der Zuhör­er wie das Confu­tatis, das durch flack­ernde, vage Tonge­bung ver­stört. Der Tenor Michael Ende erweist sich als unauf­fäl­liger, ensem­ble­di­en­lich­er Inter­pret, der freilich mit seinen Soli (etwa dem Ingemis­co) keine eige­nen Akzente zu set­zen ver­mag, die Mez­zoso­pranistin Gabriele May klingt in der oberen Lagen ein wenig unstet und nur die Sopranistin Mel­ba Ramos kann mit ihren Beiträ­gen ganz überzeu­gen – etwa im abschließen­den Lib­era me, das zwis­chen Ban­gen und Fle­hen eine schlüs­sige Lin­ie find­et. Ins­ge­samt bleibt die Auf­nahme hin­ter dem Stan­dard zurück, den andere Ein­spielun­gen längst geset­zt haben. Ob die Aach­en­er sich mit dieser Pro­duk­tion einen Gefall­en getan haben, ste­ht dahin.
Rüdi­ger Krohn