Bruno Heinen

Mikrokosmos

Bruno Heinen’s The W

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: TYXart
erschienen in: das Orchester 10/2026 , Seite 79

Die Formation „The W“ ist ein Jazzquartett aus England. Bruno Heinen (Klavier, E-Piano, Elektronik) musiziert hier mit der Sängerin Heidi Vogel (bekannt vom Cinematic Orchestra), dem Kontrabassisten Andrea Di Biase und dem Schlagzeuger Gene Calderazzo. Der Bandleader, Spross einer Familie erfolgreicher Orchestermusiker:innen, hat neben klassischer Musik auch Jazzklavier studiert. Seine besondere Spezialität sind eigenwillige Brückenschläge zwischen den beiden Genres. In früheren Projekten hat Bruno Heinen bereits Stockhausens Tierkreis oder Vivaldis Vier Jahreszeiten zusammen mit Jazzmusi­ker:innen neu interpretiert. Von konventionellem Jazz allerdings sind die Ergebnisse weit entfernt. Man hört bei Heinen die klassische Schulung und die Neigung zur Avantgarde.
Bei der Musik auf dem neuen Album ließ er sich von Bartóks Mikrokosmos inspirieren. In diesem Klavierzyklus (1932–1937) hat Béla Bartók insgesamt 153 kurze Lernstücke versammelt – mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad. Auch Bruno Heinen hat als Kind diese Stücke am Klavier geübt – und sein Album ist nun eine Art späte, reife Reflexion oder Meditation darüber. Es sind nur kleine Zellen, Ideen, Elemente aus den Mikrokosmos-Stücken, die in Heinens Musik aufscheinen. Mal ist es ein bestimmtes tonales Konzept, mal ein melodisches Fragment. Häufig wird das Geschehen getragen von einem sanften, pochenden Puls. Zuweilen gibt es elektronische Sphärentöne zu hören oder künstlichen Hall. Das wirkt alles sehr subjektiv und eigenwillig, aber auch sehr geschmackvoll und wohldosiert.
Die Hauptsache bei diesem Album ist freilich die improvisatorische Ausgestaltung. Das Stück A Musical World For The Little Ones (Nr. 1) führt, getrieben vom Schlagzeug, zu einer großen Steigerung. In den meisten anderen Stücken bleibt die Stimmung dagegen eher träumerisch-meditativ. Das Klavierspiel gefällt mit einer Art chromatischem Pointillismus, in To The Devil With Exercises (Nr. 4) aber auch mit eher jazztypischen Phrasen. Eine prägende Rolle spielt die Vokalistin Heidi Vogel, die Äußerungen von Bartók im Wortlaut rezitiert oder frei versanglicht (auf Englisch natürlich). Streckenweise improvisiert sie auch ganz ohne Worte – am jazzigsten in Flamingo (Nr. 6).
Welche Instrumente Bruno Heinen auf diesem Album genau benutzt, welche elektrischen und elektronischen Hilfsmittel, welche Klangpräparationen, erfährt man leider nicht. Auf der CD-Verpackung findet sich nur die unvollständige Angabe „Piano“. Übrigens ist das letzte Stück (From The Diary Of A Fly) 4:33 Minuten lang und nicht, wie auf dem Album angegeben, 30:29. Das ist vielmehr die Gesamtdauer der CD.
Hans-Jürgen Schaal

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