Kutulas, Asteris

Mikis Theodorakis

Ein Leben in Bildern; mit 2 Audio-CDs und 1 DVD

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 65

Seine Biografie lässt einen das 20. Jahrhun­dert in all sein­er Wider­sprüch­lichkeit und Grausamkeit ger­adezu kör­per­lich nachempfind­en. Mikis Theodor­akis, der in diesem Som­mer seinen 85. Geburt­stag feiern kon­nte, ist beileibe nicht nur ein Kom­pon­ist Neuer Musik aus Griechen­land – er ist ein Grieche, der kom­poniert. Worin der Unter­schied beste­ht? Ganz ein­fach, die Kom­pon­is­ten so genan­nter Neuer Musik sind inter­na­tion­al­isiert – sie mögen zwar einen per­sön­lich-nationalen Hin­ter­grund besitzen, ihre Musik­sprache jedoch kann und sollte nicht auf­grund dieses Hin­ter­grunds bew­ertet wer­den. Bei Mikis Theodor­akis ist das anders: Würde man behaupten, seine Musik sei inter­na­tion­al, würde man ihn belei­di­gen. Es ist griechis­che Musik durch und durch! Mikis Theodor­akis ver­tonte unzäh­lige Gedichte; seine Lieder macht­en ihn in der 1960er Jahren in Griechen­land zur Sym­bol­fig­ur der kul­turellen Jugend­be­we­gung. Zu sein­er erfol­gre­ich­sten Zeit füllte er die großen Sta­di­en sein­er Heimat. Deswe­gen wurde er von der Mil­itär­jun­ta gejagt, einges­per­rt und nach Frankre­ich ver­ban­nt.
Die von Aster­is Kutu­las konzip­ierte Ret­ro­spek­tive schafft es ein­fühlsam, sowohl das bewegte Leben des Kom­pon­is­ten und die ihm nahe ste­hen­den Men­schen zu porträtieren als auch diverse poli­tis­che und gesellschaftliche Verän­derun­gen über die Jahrzehnte hin­weg zu illus­tri­eren. Zwis­chen den zahlre­ichen Bildern ste­hen auto­bi­ografis­che Rück­blicke
von Mikis Theodor­akis, die von einem erstaunlich sach­lichen Umgang mit der eige­nen Ver­gan­gen­heit zeu­gen. Zitate und kurze State­ments berühmter Zeitgenossen, Kun­stschaf­fend­er wie Poli­tik­er, würdi­gen diese einzi­gar­tige Per­sön­lichkeit, die bis heute – im Erbe sein­er Kul­tur fußend – uner­müdlich für Frei­heit und Völk­erver­ständi­gung kämpft.
Zu einem beson­deren Schatz wird diese Pub­lika­tion allerd­ings erst durch die beige­fügten CDs. Da ist zum einen das akustis­che Pen­dant zum Bild­band: Auf der CD Ein Leben in 19 Musik­stück­en sind ver­schieden­ste Werke von 1942 bis 2007 ver­sam­melt – von Kam­mer­musik und Orch­ester­w­erken, Auss­chnit­ten aus dem pom­pösen Can­to Gen­er­al bis hin zu Arien aus Elek­tra und Antigone – wodurch eine über 60-jährige kom­pos­i­torische Entwick­lung und ein beein­druck­end weit gefächertes Œuvre deut­lich wer­den. Die zweite CD enthält 24 pri­vate Ein­spielun­gen sein­er Lieder – Mikis Theodor­akis singt und spielt Klavier. Ursprünglich wollte der Kom­pon­ist laut Her­aus­ge­ber lediglich „den Charak­ter, den er diesen Songs geben wollte, seinen Sängern und Musik­ern ken­ntlich machen“. Dabei ist ein mitreißen­des Doku­ment ent­standen. Die ungeschön­ten, mit kleinen Ver­spiel­ern und Nebengeräuschen behafteten Auf­nah­men ver­mit­teln mehr von Theodor­akis’ Charak­ter, als es alle vor­ange­gan­genen Bilder und Texte ver­mocht­en! Eine leicht raue, zugle­ich unglaublich weiche Stimme singt Lieder auf Griechisch – hier ist die Seele eines Men­schen zu erken­nen, dessen Musik von Herzen kommt und zu Herzen geht. „Ich denke, dass ich nicht meine Musik schreiben musste, weil ich all diese Erfahrun­gen gemacht habe, son­dern dass ich, um diese Musik schreiben zu kön­nen, diese Erfahrun­gen machen musste“, sagt Mikis Theodor­akis.
Sibylle Kayser

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