Bach, Johann Sebastian

Messe in h‑Moll

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Accentus ACC 2081
erschienen in: das Orchester 07-08/2014 , Seite 82

Bis heute ist umstrit­ten, welchen Zweck Bach ver­fol­gte, als er in den 1740er Jahren seine aus Kyrie und Glo­ria beste­hende Mis­sa von 1733 zu ein­er voll­ständi­gen Messe erweit­erte. Da eine Gesam­tauf­führung im Leipziger Gottes­di­enst auszuschließen ist, sind mögliche Aufträge aus Dres­den oder Wien in Betra­cht gezo­gen wor­den, ohne dass sich Belege hier­für hät­ten find­en lassen. Die auskom­ponierte Cre­do-Into­na­tion spricht gegen eine Bes­tim­mung für die katholis­che Liturgie, überdies zitiert Bach die mit­te­lal­ter­lichen Can­tus fir­mi in Cre­do und Con­fi­te­or in Vari­anten, die in den lutherischen Kirchen Leipzigs gebräuch­lich waren. So erscheint die Ver­wen­dung einzel­ner Teile an Stelle ein­er Kan­tate möglich, vielle­icht sog­ar zyk­lisch an aufeinan­der fol­gen­den Feierta­gen – ähn­lich dem Wei­h­nacht­so­ra­to­ri­um.
Die außeror­dentlich hohen Anforderun­gen an den Chor ließen selb­st Mendelssohn von ein­er Auf­führung abse­hen, sodass die gesamte Messe erst 1856 in Frank­furt am Main und 1859 in Leipzig erk­lang. Es sollte weit­ere 100 Jahre dauern, bis sie zum Stan­dard­w­erk des Chor­reper­toires wurde. Inzwis­chen haben Ein­spielun­gen mit pro­fes­sionellen, stilis­tisch geschul­ten Sän­gerensem­bles Maßstäbe geset­zt, die uns leicht vergessen lassen, welche Her­aus­forderung das Werk, zumal unter Konz­ertbe­din­gun­gen, selb­st für den Thoman­er­chor bedeuten muss, der hier begleit­et von dem vorzüglichen Freiburg­er Barock­o­rch­ester sein tech­nis­ches und musikalis­ches Kön­nen ein­drucksvoll unter Beweis stellt. Erst im Con­fi­te­or, einem fün­f­s­tim­mi­gen, nur vom Con­tin­uo begleit­eten Chor­satz von extremer kon­tra­punk­tis­ch­er und mod­u­la­torisch­er Dichte, zeigen sich gewisse Ermü­dungser­schei­n­un­gen in der Into­na­tion und Artiku­la­tion, die im fol­gen­den Et expec­to allmäh­lich über­wun­den wer­den.
Die Par­tien der fünf Gesangssolis­ten sind adäquat beset­zt. Die sehr unter­schiedlichen Stimm­charak­tere der bei­den Sopranistin­nen Reglint Büh­ler und Susanne Krumbiegel fall­en in ihrem gemein­samen Duett Christe elei­son ins Gewicht. Die Verbindung mit der ger­adlin­ig, mit sparsamem Vibra­to agieren­den Altistin Susanne Langn­er in ihrem Duett Et in unum Dominum ist homo­gen­er. Das zügige Tem­po der Lau­damus-Arie (Sopran 2) engt den Gestal­tungsspiel­raum der Sän­gerin wie auch der Solovi­o­line ein. Der Tenor Mar­tin Lat­tke geht die Bene­dic­tus-Arie mit metrisch­er Strenge an, kon­trastiert von ein­er agogisch sehr frei gestal­tenden Soloflöte – ein Wag­nis, das hier musikalisch span­nend aufge­ht. Markus Flaig ver­fügt über eine helle Bassstimme, die auch in tiefen Lagen genü­gend Kraft besitzt. Seine Quo­ni­am-Arie ragt her­aus nicht zulet­zt durch das kon­turi­erte und trans­par­ente Spiel der beglei­t­en­den tiefen Blasin­stru­mente. Im Qui tol­lis bringt die Auf­nah­me­tech­nik die Klang­bal­ance vorüberge­hend aus dem Gle­ichgewicht, zunächst bei den hohen Stre­ich­ern, später ist die zweite Flöte kaum hör­bar. Ins­ge­samt doku­men­tiert der Mitschnitt vom Leipziger Bach­fest im Juni 2013 eine gelun­gene Auf­führung.
Jür­gen Hinz