Widmann, Jörg

Messe für großes Orchester / Fünf Bruchstücke für Klarinette und Klavier / Elegie für Klarinette und Orchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ECM 2110
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 74

Schon nach ein paar Tak­ten ist der Hör­er im Bann dieser Musik. Emo­tion­al, fast spätro­ma­tisch in ihrer Expres­siv­ität, anscheinend frei in ihren fes­ten, ural­ten For­men, groß beset­zt und trotz­dem auf kle­in­ste Klang­bausteine in kam­mer­musikalis­ch­er Beset­zung zurück­ge­hend – Musik, die wed­er in die Schublade der Gen­res noch zwin­gend in eine bes­timmte Epoche gesteckt wer­den kann.
Jörg Wid­mann hat mit dieser Messe für großes Orch­ester (2005) ein umfan­gre­ich­es Werk vorgelegt, das sowohl an Brit­ten als auch an Hen­ze erin­nert und auch Pas­sagen aufweist, die einem guten Spielfilm als Film­musik die let­zte Größe geben kön­nten. Kitschig wird es dabei nicht, mag das Blech auch noch so pro­gram­ma­tisch losle­gen, die Stre­ich­er noch so sehr jubilieren. Denn die Deutsche Radio Phil­har­monie unter Christoph Pop­pen sorgt für diszi­plin­ierte Emo­tion­al­ität und lässt die wort­lose Elo­quenz des Werkes meist schlank erscheinen. Ein paar Beispiele: Con­tra­punc­tus II arbeit­et sich von hohen Stre­ich­ern runter bis in tief­ste Blech, ein biss­chen düster, aber imposant. Inter­ludi­um III fol­gt mit viel Schlag­w­erkkün­sten, schön im Kon­trast zum Vorgänger. Das fol­gende Antiphon ist wieder ein Fest der Blech­bläs­er. Mit­te­lal­ter­liche For­men kom­men per­ma­nent ins Spiel, doch sind sie logisch und naht­los ins Geschehen ein­er neuen Kom­po­si­tion gefügt. Über­raschend ist nach all den vie­len Tönen die Sprachlosigkeit des leisen, ruhi­gen Cru­ci­fixus: Unheim­lich wirkt hier dieser sehr bewusste Verzicht auf den großen Klang. Aus den vie­len effek­tvollen, aber nie koket­ten Sätzen entste­ht ein großes Stück Klangkun­st – etwas schw­er ver­daulich auf­grund sein­er inhaltlichen Fülle und höchst emo­tionaler Stim­mungsin­ten­sität, aber dafür umso nach­haltiger durch musikalis­che Qual­ität.
Der großen Messe fol­gen kleine Frag­mente (Fünf Bruch­stücke, 1997) für nur zwei Instru­mente: Jörg Wid­mann an der Klar­inette und Heinz Hol­liger, hier am Klavier, zaubern. Neue Spiel­tech­niken auf der Klar­inette, das prä­pari­erte Klavier und das Miteinan­der (manch­mal auch gewollte Gegeneinan­der) der bei­den Musik­er beein­druck­en. Im vierten Frag­ment dür­fen bei­de ein­mal so richtig an die Gren­zen ihrer Instru­mente gehen – ein vir­tu­os­er Spaß, gekrönt mit der in höch­sten Höhen tanzen­den Klar­inette. Dem fol­gt ein langsamer fün­fter Satz mit blitzsauberen Vierteltö­nen. Eine Menge Humor, viel Vir­tu­osität und hör­bare Freude am Zusam­men­spiel lassen hier ein kleines, aber sehr feines Werk entste­hen.
Die Elegie (2006) ist ein aus­gewach­senes Klar­inet­tenkonz­ert der spiel­tech­nisch schwieri­gen Art. Wid­mann bläst es, selb­stver­ständlich, her­vor­ra­gend, und das Orch­ester ist ihm ein aufmerk­samer, selb­st­be­wusster Part­ner. Es wim­melt vor Mikrotö­nen und haarsträuben­den Läufen, dem Auf­schrei fol­gt meist aber eine melodisch inter­es­sante Kan­ti­lene. Ins­ge­samt wirkt dieses Werk wie ein langes, expres­sives Lied.
Vom Zuhör­er erfordert diese sehr gelun­gene CD, um in ihrer ganzen kom­plex­en Gestalt genossen wer­den zu kön­nen, allerd­ings bei­de Ohren.
Heike Eickhoff