Giacomo Puccini

Messa di Gloria, Capriccio sinfonico u. a.

Alejandro Del Angel (Tenor), Massimo Cavalletti (Bariton), Sebastian Bürger (Viola), Wolfgang Kläsener (Orgel), Chor des Aalto Theaters, Essener Philharmoniker, Philharmonischer Chor ­Essen, Ltg. Andrea Sanguineti

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Naxos
erschienen in: das Orchester 6/2026 , Seite 77

Mehrfach finden sich in den Sakralwerken und Liedern Giacomo Puccinis unerwartete Keimzellen zu einprägsamen Stellen in seinen Opern. So wird das „Agnus Dei“ aus Puccinis 1880 entstandener Messa di Gloria über zehn Jahre später zum Madrigal für die als ausgehaltene Geliebte in einem Pariser Palais residierende Manon Lescaut. Auf diesem Album sind mehrere geistliche und weltliche Gelegenheitsstücke Puccinis vereinigt – eines mit politischem Hintergrund. Fragmente wurden von Virgilio Bernardoni, Gabriella Biagi Ravenni, Dieter Schickling und Wolfgang Ludewig ergänzt bzw. arrangiert, unter anderem die erst seit 2014 in der Fassung für Bariton und Orchester zugängliche Arie Ad una morta.
Die Essener Philharmoniker und die Chöre beherrschen dieses Repertoire meisterhaft. Die beiden im Verdi- und Puccini-Fach bestens verankerten Solostimmen Alejandro Del Angel und Massimo Cavalletti agieren mit Kraft und Empathie. Die Piano-Stellen der Messa di Gloria behalten klangliche Bodenhaftung, die Eruptionen klingen rund. Bei der Werkauswahl wird bewusst, wie wenig man außerhalb Italiens aus dem musikalischen Schaffen vom Ende des 19. Jahrhunderts neben dem immer besser erschlossenen Opernrepertoire kennt. Dabei hatten viele italienische Komponisten wie Puccini und Amilcare Ponchielli, der auch zahlreiche Kompositionen für Orgel hinterließ, Affinität zur Kirchenmusik.
In den hier erklingenden Werken wirkt Puccini längst nicht so progressiv wie in seinen Opern. Verdis Kompositionen im Umfeld von Aida und Messa da Requiem beeindruckten den jungen Musiker hörbar stark. Von den originellen Bläserharmonien, mit denen Puccini später den Orchestersatz seiner Opern lichtete und damit den die Singstimmen verdoppelnden Streichern etwas Gewicht nahm, finden sich hier allenfalls Andeutungen. Instrumentale Fülle, dramatische Akzente und maßvolle Kolorierung sind in guter Balance. Erstaunlicherweise sind die künstlerischen Leiter der exzellenten Chöre – Klaas-Jan de Groot und Patrick Jaskolka – in der Besetzungsliste nicht genannt.
Der Inno a Roma, eine Auftragsarbeit vor seiner letzten Oper Turandot, ist ein Dokument von Puccinis allmählich wachsender Sympathie für den italienischen Faschismus. Das Drei-Minuten-Opus entstand vor dem Marsch auf Rom 1922 und wurde ab 1929 in der Bearbeitung von Nuccio Forda für Chor auf einen Text von Fausto Salvatori zu einer repräsentativen Komposition unter Mussolini. Diese Nebenwerke verraten also viel über die soziale Prägung Puccinis. Sanguineti kostet die verschiedenen Farben aus und gibt den Kompositionen veredelnde Gewichtigkeit.
Roland Dippel

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support