Frauchiger, Urs

Mein Mozart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Huber, Frauenfeld 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 76

Der Titel kön­nte zu der Annahme ver­leit­en, hier han­dle es sich um eine gefüh­lvoll ver­fasste Liebe­serk­lärung an den Salzburg­er Meis­ter, um die pri­vat­en Herzensergießun­gen eines Mozart-Verehrers. Das Gegen­teil ist der Fall. Der Schweiz­er Cel­list, Hochschuldirek­tor und Musikschrift­steller Urs Frauchiger will mit dieser Samm­lung von Mozart-Essays zwar ganz sich­er nicht die Mozart-Forschung rev­o­lu­tion­ieren und mit sagen­haften neuen Erken­nt­nis­sen aufwarten, wohl aber in scharf­sin­nig-kri­tis­ch­er Weise das (Un-)Wesen der Mozart-Verehrung ger­ade im Vor- und Umfeld des 250. Geburt­stags am 27. Jan­u­ar 2006 in den Blick nehmen – und er will am Beispiel ein­er einge­hen­den Betra­ch­tung des Stre­ichquar­tetts d‑Moll KV 421 Wege zu einem authen­tis­chen Ver­ständ­nis von Mozarts Musik weisen.
Das Buch ist wie eine dre­it­eilige Lied­form struk­turi­ert. Der ein­lei­t­ende Essay „Mythos Mozart“ reflek­tiert die prob­lema­tis­chen Erschei­n­ungsweisen der gängi­gen Mozart-Verehrung und räumt in nuce mit den pop­ulären Fehlein­schätzun­gen der Sicht von Mozarts Leben und Werk auf. Frauchiger tut das sprach­lich sehr elo­quent und ele­gant. Er ver­fügt dabei eben­so über die genaue Ken­nt­nis der wichti­gen Schriften und Forschungsergeb­nisse zu Mozart wie über intime Ein­blicke in den Musik­be­trieb der Gegen­wart. Das macht die Lek­türe sein­er Gedanken für jeden Leser span­nend und bedenkenswert, der sich – wie Frauchiger – eine kri­tis­che Dis­tanz zu den zum Teil recht selt­samen Blüten der Mozart-Rezep­tion und zum heuti­gen Musikgeschäft bewahrt hat.
Der analoge Essay am Ende des Ban­des ist Umkehrung und Ergänzung des ein­lei­t­en­den. In „An Mozarts Geburt­stag“ betreibt Urs Frauchiger ein apartes his­torisches Gedanken­spiel. Er erk­lärt die Musikgeschichte der zweit­en Hälfte des 18. Jahrhun­derts unter Aus­blendung von Mozart als Fix- oder Bezugspunkt. Der Autor tut das sehr ken­nt­nis­re­ich und zugle­ich aus­ge­sprochen unter­halt­sam und lock­er im Stil. Sinn der Sache ist natür­lich nicht die Ver­leug­nung von Mozarts einzi­gar­tigem Rang, son­dern im Gegen­teil der Ver­such, diesem gle­ich­sam durch die Hin­tertür auf unver­stellte Art neu gewahr zu wer­den.
Diesen Anspruch ver­fol­gt auch der große Mit­tel­teil des Buchs, das „Frag­ment über das Stre­ichquar­tett in d‑Moll KV 421“. Frauchiger liefert keine akademis­che satztech­nis­che Analyse, son­dern sehr dif­feren­zierte und orig­inelle Anmerkun­gen zu Fak­tur, Wesen und Wieder­gabe dieser in Mozarts Schaf­fen sin­gulären Kam­mer­musikkom­po­si­tion. Hier kommt nicht zulet­zt der erfahrene Cel­list Frauchiger zu Wort – und das mit sehr erhel­len­den Gedanken zur Auf­führung­sprax­is. Auf­schlussre­ich sind auch die Reflex­io­nen zum Umfeld des Werks, in dem – so Con­stanze Mozart – die Schmerzen ihrer ersten Geburt wider­scheinen sollen. In der Beschrei­bung der musikalis­chen Form greift der Autor zu ein­er sehr indi­vidu­ellen, jedoch dur­chaus tre­f­fend­en Dik­tion. Eine kom­men­tierte Disko­grafie zu KV 421 und eine kom­men­tierte Bib­li­ografie run­den das über­aus anre­gende und Gewinn brin­gende Buch ab.
Karl Georg Berg