Mahler, Gustav

Mein lieber Trotzkopf, meine süße Mohnblume”

Briefe an Anna von Mildenburg, hg. von Franz Willnauer

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zsolnay, Wien 2006
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 81

Nach­dem Anfang 2006 die Briefe Gus­tav Mahlers an seine Fam­i­lie erschienen sind, liegt jet­zt mit Mahlers Briefen an Anna von Milden­burg der vor­erst let­zte große Baustein zum Ver­ständ­nis sein­er Biografie vor. Milden­burg war vor Mahlers Ehe­frau Alma Mahler, neben sein­er Schwest­er Jus­tine und neben sein­er langjähri­gen Fre­undin Nathalie Bauer-Lech­n­er, die wohl wichtig­ste Frau im Leben des Kün­stlers. Bei ihrem ersten Engage­ment über­haupt als (sogle­ich hochdrama­tis­che) Sopranistin am Ham­burg­er Stadtthe­ater begeg­nete die 22-Jährige 1895 dem zwölfein­halb Jahre Älteren, der sie als Erster Kapellmeis­ter kün­st­lerisch – ins­beson­dere beim Studi­um der großen Par­tien in den Werken Richard Wag­n­ers – förderte und aufs äußer­ste forderte.
In Milden­burg fand Mahler jedoch nicht nur eine seinem Genauigkeits­fa­natismus ide­al entsprechende Sänger­darstel­lerin, son­dern auch bald eine Ver­traute, Geliebte und lebenslange Kün­stler­fre­undin. Die Beziehung mit lei­den­schaftlichen Aufs und Abs, wie wir sie son­st nur aus sein­er Ehe mit Alma ken­nen, mün­dete recht schnell in eine für die Öffentlichkeit prob­lema­tis­che „Affäre“. Obwohl die Ham­burg­er Briefe je nach Anlass und Über­bringer zwis­chen dem ver­traut­en „Du“ und dem förm­lichen „Sie“ hin- und her­wech­seln und die Pro­tag­o­nis­ten aller­lei Vorkehrun­gen tre­f­fen, ste­hen sie doch bei­de nach nicht ein­mal anderthalb Jahren vor der Pflicht, ihre Beziehung legit­imieren zu müssen. Wen­ngle­ich es sog­ar eine heim­liche Ver­lobung gegeben haben dürfte, entsch­ied sich Mahler 1897 dafür, vor der pri­vat­en Verpflich­tung zu fliehen und zunächst dem Ruf an die Wiener Hofop­er zu fol­gen. Let­zteren ver­dank­te Mahler pikan­ter­weise u.a. Milden­burgs Gesangslehrerin Rosa Papi­er, die gemein­sam mit Nathalie Bauer-Lech­n­er jedoch ver­langte, die Beziehung zu Milden­burg for­t­an lediglich auf rein Dien­stlich­es zu beschränken.
Mahler stellte die Sän­gerin tat­säch­lich anschließend vor die Wahl, entwed­er mit ihm gemein­sam an die Hofop­er zu wech­seln oder aber die pri­vate Beziehung fortzuset­zen – eine erstaunliche Par­al­lele zu dem späteren berühmten Brief an Alma Schindler (mit der Option, ihn entwed­er zu ehe­lichen oder eine Kar­riere als Kom­pon­istin zu ver­fol­gen). Milden­burg ging nach Wien und feierte dort mit Mahler in seinen Reformin­sze­nierun­gen ihre größten Tri­umphe.
Her­aus­ge­ber Franz Will­nauer gelingt es, in verbinden­den Zwis­chen­tex­ten ana­lytisch und ein­fühlsam zugle­ich ein plas­tis­ches Bild dieser pri­vat­en Zweier­beziehung sowie der gemein­samen Opernar­beit zu zeich­nen. Da die Briefe Milden­burgs an Mahler weit­ge­hend ver­loren sind, bezieht Will­nauer sog­ar die Kor­re­spon­denz zwis­chen Alma Mahler und Anna von Milden­burg ein, die neben­bei auch Licht auf Paul Daub­n­ers frühen Kom­plet­tierungsver­such aller fünf Sätze der 10. Sym­phonie Mahlers wirft und belegt, dass die bei­den Frauen trotz aller Ressen­ti­ments gern gemein­sam musizierten.
Dass die Lit­er­aturz­i­tate inner­halb der Kom­men­tarteile sowie des Nach­worts nicht im Einzel­nen nachgewiesen wer­den, schmälert den Gebrauch­swert dieses Buchs für die Wis­senschaft nur ger­ingfügig. Für Mahler- wie Opern­in­ter­essen­ten geht mit dieser Edi­tion vielmehr ein Traum in Erfül­lung, nicht zulet­zt dank der Beiga­ben – ein­er Liste aller Ham­burg­er und Wiener Auftritte Mahlers und Milden­burgs sowie wesentlich­er Pub­lika­tio­nen von und über Milden­burg, deren Regiebüch­er etwa ergänzend zu diesen Briefen zu lesen wären.
Jörg Rothkamm