Charpentier, Marc-Antoine / Claudio Monteverdi

Medée (excerpts) / Arie e Madrigali

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Idis 6493
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 92

Vor hun­dert Jahren waren Frauen, die als Profimusik­erin­nen „ihren Mann“ standen, aus­ge­sprochen rar, denn abge­se­hen von der Opern­bühne kamen nur wenige Beruf­szweige in Betra­cht: Man/Frau wurde Klavier­lehrerin oder – sel­ten genug – Orch­ester­musik­erin, wobei auch hier nur bes­timmte Instru­mente als „schick­lich“ gal­ten. Vom Kom­ponieren zu leben, war für Frauen schlicht undenkbar, Kar­riere zu machen als Päd­a­gogin oder gar Diri­gentin eine eben­so unre­al­is­tis­che Option.
An diesem Punkt begin­nt die außergewöhn­liche Erfol­gs­geschichte von Nadia Boulanger, die sich nicht nur allen gängi­gen Gen­der-Klis­chees wider­set­zte, son­dern in jenen Män­ner­domä­nen zu ein­er Instanz und Kapaz­ität wurde, die ihres­gle­ichen nicht hat­te. 1887 als Tochter eines Paris­er Vio­lin­pro­fes­sors und Kom­pon­is­ten geboren, war sie bere­its ein­undzwanzigjährig beim renom­mierten Kom­po­si­tion­swet­tbe­werb um den Prix de Rome erfol­gre­ich, gab jedoch bald das eigene Kom­ponieren auf, um sich ganz dem Unter­richt­en zu wid­men. Viele Jahrzehnte wirk­te sie in Paris, während des Zweit­en Weltkriegs auch in den USA. Zu ihren Schülern zählen Aaron Cop­land, Jean Françaix, Igor Marke­vich und Astor Piaz­zol­la.
Weniger bekan­nt ist, dass Nadia Boulanger auch als Diri­gentin Pio­nier­ar­beit geleis­tet hat, zumal mit Blick auf das Reper­toire. Ihr Inter­esse galt ins­beson­dere der Musik Clau­dio Mon­teverdis und der franzö­sis­chen Barock­meis­ter. Zu deren Wieder­bele­bung – existierten ihre Par­ti­turen doch bis weit ins 20. Jahrhun­dert beina­he auss­chließlich als Staubfänger in Musikarchiv­en – hat sie unschätzbare Beiträge geleis­tet.
Zwei Doku­mente dieser Tätigkeit sind hier zu hören: Auss­chnitte aus ein­er Rund­funkpro­duk­tion der Oper Médée von Marc-Antoine Char­p­en­tier aus dem Jahr 1953 sowie – 1937 eben­falls im Stu­dio pro­duziert – zehn Mon­tever­di-Madri­gale. Im Book­let-Text find­et sich der wichtige Hin­weis, dass Boulangers Gestal­tungsim­puls nicht primär philol­o­gis­ch­er Natur war. Ihr lag daran, zum expres­siv­en Kern ein­er Musik vorzu­drin­gen, die uns heute, geprägt durch Hör­erfahrun­gen der his­torischen Auf­führung­sprax­is, viel geläu­figer ist, als sie es Musik­ern vor fün­fzig oder gar siebzig Jahren sein kon­nte.
In der Tat tritt ein sig­nifikan­ter Unter­schied zu Tage zwis­chen dem Inter­pre­ta­tion­sansatz der Médée-Auf­nahme und jen­em der Madri­gale: Erscheint Char­p­en­tiers Musik, gesun­gen von großen Sängern der Zeit, darunter der berühmten Nadine Sautereau, dur­chaus im Licht barock­er Affek­te – für die freilich damals noch keine adäquate Stilis­tik (wieder-) gefun­den wor­den war –, so mutet die Mon­tever­di-Auf­nahme schon recht exo­tisch an: Der durch­weg san­fte, verzärtelte sän­gerische Ges­tus kün­det auf anrührende Weise von der Unsicher­heit, den die Aus­führen­den im Umgang mit der neu ent­deck­ten Musik damals emp­fun­den haben dürften. Gle­ich­wohl: Als Doku­ment für das Wirken ein­er großen Musik­erin wie auch für die Anfänge dessen, was als Alte Musik-Bewe­gung unsere Musikrezep­tion fun­da­men­tal verän­dert hat, ist die CD unbe­d­ingt hörenswert.
Ger­hard Anders