Reichelt, Bettine

Max Reger

Ein biographischer Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2005
erschienen in: das Orchester 03/2006 , Seite 79

Max Reger war in nahezu jed­er Hin­sicht ein unmäßiger Men­sch – nicht nur wegen sein­er Kör­per­fülle und seines herzhaften Appetits, son­dern auch wegen sein­er unglaublichen Pro­duk­tiv­ität als Kom­pon­ist und von Ort zu Ort eilen­der Inter­pret. Er stellte sein Leben mit Haut und Haaren in den Dienst der Musik. Diplo­matie war seine Sache nicht – und doch kon­nte er auf einen Kreis von Fre­un­den und Mit­stre­it­ern bauen.
Nach­dem es in den ver­gan­genen zwei Jahrzehn­ten vor allem dank der uner­müdlichen Quellen- und Öffentlichkeit­sar­beit des in Karl­sruhe behei­mateten Max-Reger-Insti­tuts sowie her­aus­ra­gen­der Ein­spielun­gen aller Werk­grup­pen zu ein­er kleinen, aber feinen Renais­sance des Œuvres gekom­men ist, fehlt es derzeit noch immer an ein­er aktuellen Biografie, die nicht nur die Ergeb­nisse mühevoller Forschun­gen zusam­men­fasst, son­dern auch auf Grund­lage der Quellen (u.a. Tausende von Briefen) ein Charak­ter­bild des Kom­pon­is­ten zeich­net.
All das kon­nte und wollte Bet­tine Reichelt mit ihrem „biographis­chen Roman“ offen­bar nicht leis­ten. Vielmehr lauschte die Autorin ein­er inneren Stimme, um der ger­adezu pas­toralen Frage nachzuge­hen: „Wer ist der Men­sch?“ (Vor­wort, S. 8). Her­aus­gekom­men ist ein merk­würdig zweigeteiltes Buch, in dem zunächst ein grob geschnitztes Psy­chogramm eines dem endgülti­gen Absturz ins Delir­i­um nahen Men­schen entste­ht (Reger selb­st sprach von seinen Wies­baden­er Jahren als „Sturm- und Trankzeit“). Als die Zeit­en dann steigende kün­st­lerische Rep­u­ta­tion (und Nüchtern­heit) bracht­en, wen­det sich die Autorin Elsa Reger zu und ver­hil­ft auch ihr zu einem pass­ablen Out­ing. Ger­ade an diesem heiklen Punkt ver­mis­chen sich Wirk­lichkeit und Fik­tion – denn zu Let­zter­er gehört auch Elsas so genan­ntes Tage­buch. Wo aber tat­säch­lich ein­mal wörtlich zitiert wird (durch Kur­sivierun­gen typografisch ken­ntlich gemacht), da sind die Worte oft­mals entwed­er aus dem Zusam­men­hang genom­men oder schlichtweg falsch: Die Hör­er des 100. Psalms soll­ten nicht als „Brief­marke“, son­dern wie ein „Relief“ an der Wand kleben (S. 226).
Wun­dern darf man sich, warum allein dem in Wei­den gebore­nen Max Reger per­ma­nent ein Dialekt in den Mund gelegt wird, nicht aber seinen Eltern oder sein­er Schwest­er (außer­dem han­delt es sich, wie mir von kundi­ger Seite ver­sichert wurde, um eine sich ober­bay­erisch gebende, nicht aber um die für Reger typ­is­che oberpfälz­er Mundart). Freilich: Stil­blüten und sprach­liche Unbe­holfen­heit rin­gen dem geneigten Leser auch ein trock­enes Lächeln ab: „Was ist zu tun? Er weiß es nicht. Er sucht die Antwort auf dem Boden eines Glases und kann sie auch dort nicht find­en.“ (S. 91)
Man muss sich aber nicht erst bis zu Seite 273 vorkämpfen, um dort in „Dank und Anmerkun­gen zu den Quellen“ zu erfahren, dass „nur in Aus­nah­me­fällen Sekundär­lit­er­atur zu Rate gezo­gen“ wurde. Von Regers musikalis­ch­er Sprache ist ohne­hin nicht die Rede; wo aber (aus­nahm­sweise) ein­mal ein Werk genan­nt wird, gerät die Autorin in das Reich der Speku­la­tion – wie beim Verbleib des Klavierkonz­erts op. 17 oder hin­sichtlich der Choralzeilen in der Suite op. 16 und der Fan­tasie op. 27. Vor ein­er unre­flek­tierten Lek­türe dieses Buchs muss drin­gend gewarnt wer­den.
Michael Kube