Popp, Susanne

Max Reger. Werk statt Leben

Biographie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2016
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 68

Nun hat also auch er sein Jubiläum: Max Reger, der vor hun­dert Jahren starb und dessen Bekan­ntheits­grad in merk­würdi­gem Ver­hält­nis zum unent­deck­ten Œuvre ste­ht. Dass Reger viel Orgel­choräle schrieb, sprach sich herum. Doch wer ken­nt schon das Vio­linkonz­ert A-Dur von 1908, die Stre­ichquar­tette, die Sin­foni­et­ta von 1905 oder die kolos­sale Sym­phonis­che Phan­tasie und Fuge für Orgel op. 57 von 1901, die so gar nicht passt zum Bild des biederen Bewun­der­ers Johann Sebas­t­ian Bachs?
Susanne Popp räumt mit Vorurteilen auf. Der stete Bezugspunkt war zwar der außeror­dentlich bewun­derte Bach, doch Reger begriff ihn als Anfang und Ende aller Musik zugle­ich. Wenn er wieder Fugen, Prälu­di­en und Choräle schrieb, dann niemals im Sinn ein­er Restau­ra­tion, son­dern im Dienst ein­er Fort­führung eines gewalti­gen Erbes unter fortschrit­tlichen Vorze­ichen. Lebendig beschreibt Popp nicht nur das Leben, son­dern auch so manche Werke: „wuchtige Klang­massen“ in der „Infer­no-Phan­tasie“ op. 57 zum Beispiel, „die kein tonales Zen­trum haben und den ganzen Zwölfton­raum umfassen“. Oder auch das Spätwerk Requiem aeter­nam von 1915, das Popp auf­grund sein­er „Klangflächen und Expres­sions­felder“ sog­ar als Vor­weg­nahme der Ästhetik eines Györ­gy Ligeti inter­pretiert.
Seit 1981 ist Susanne Popp Lei­t­erin des Max-Reger-Insti­tuts in Karl­sruhe. Enorm ver­traut ist sie daher mit den Quellen. Sie belegt, dass Richard Wag­n­er für Reger den Auss­chlag gab, Kom­pon­ist zu wer­den. Der gelehrte Musik­forsch­er Hugo Rie­mann macht Reger danach vor allem mit der deutschen B-Lin­ie bekan­nt, also mit Bach/Beethoven/Brahms. Auf Ital­iener oder Fran­zosen war der Kom­pon­ist zeitlebens nicht gut zu sprechen. Hier war er dog­ma­tisch: dass Scar­lat­ti zwar Feuer habe, aber eben nicht wärme wie Bach – das hätte er wie viele sein­er deutschen Kol­le­gen sofort unter­schrieben.
544 Seit­en hat diese Biografie. Allein 60 umfassen die Anmerkun­gen und Quel­len­ver­weise – ein Beleg dafür, wie viel Susanne Popp für dieses außeror­dentliche Buch gele­sen hat. Viele zitierte Brief­stellen vom Schreib- und Kom­po­si­tion­swüti­gen zeich­nen ein sehr direk­tes Bild, das an manchen Stellen schmun­zeln lässt, an anderen wiederum nach­den­klich stimmt. Dem Alko­hol war Reger ziem­lich ver­fall­en; auch dem ständi­gen Rauchen stark­er Zigar­ren. Sein Tod 43-jährig am 11. Mai 1916 war wohl aufs Rauchen zurück­zuführen. Susanne Popp hat­te für den tödlichen Herz­schlag am Ende auch eine andere, sehr ein­leuch­t­ende Erk­lärung: „Von allen voraus­ge­se­hen und doch plöt­zlich war sein Herz dem per­ma­nen­ten Über­druck, kom­ponierend gegen den Tod und konz­ertierend gegen das Vergessen anzukämpfen, nicht länger gewach­sen.“
Torsten Möller