Hindemith, Paul

Mathis der Maler

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 908
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 65

Mit der Wahl von Paul Hin­demiths oft als sper­rig beze­ich­neter Oper Math­is der Maler als Eröff­nung­spremiere ihrer ersten Amt­szeit als Inten­dan­tin der Staat­sop­er Ham­burg und Gen­eral­musikdi­rek­torin der Phil­har­moniker Ham­burg set­zte Simone Young ein von Pub­likum und Kri­tik gle­icher­maßen pos­i­tiv aufgenommenes Zeichen. Der nun in solid­er Klangqual­ität vor­liegende Mitschnitt – gele­gentlich wirken die Sängern etwas zu weit in den Büh­nen­hin­ter­grund gerückt, die dynamis­che Band­bre­ite der Musik scheint nicht ganz opti­mal einge­fan­gen – der Eröff­nung­spremiere vom 25. Sep­tem­ber 2005 aus der Ham­burg­er Oper mit Math­is der Maler unter­stre­icht ein­drucksvoll die Qual­itäten der Diri­gentin, aber auch die Leis­tungs­fähigkeit des Haus­es.
Hin­demith kom­ponierte den Math­is zwis­chen 1933 und 1935 in ein­er für sein Schaf­fen immer prob­lema­tis­ch­er wer­den­den Zeit. Erst 1938 kon­nte die Oper in Zürich uraufge­führt wer­den. Die poli­tis­che Sit­u­a­tion der Entste­hungszeit find­et denn auch sozusagen sub­ku­tan, unter der Ober­fläche ihren Nieder­schlag. Das Libret­to schrieb Hin­demith selb­st. Im Zen­trum des Werks, das Hin­demith auf dem Höhep­unkt sein­er Schaf­fen­skraft zeigt, ste­ht Matthias Grünewald. In sieben Bildern span­nt Hin­demith einen Bogen vom Antoniterk­loster am Main über den deutschen Bauernkrieg bis hin zur leg­endären Entste­hung des Isen­heimer Altars und der Res­ig­na­tion, in der Grünewald seine Kün­stlerkar­riere been­dete: eine Para­bel über die Ver­schränkung von Poli­tik und Kun­st, die Fra­gen an den Kün­stler stellt, zu sein­er Rolle zwis­chen Poli­tis­chem und Pri­vatem. Der soziale Kon­flikt des Bauernkriegs wird durchkreuzt vom religiösen Kon­flikt zwis­chen Katho­liken und Protes­tanten. Das Per­son­al der Oper ste­ht für diesen Kon­flikt wie der reiche protes­tantis­che Mainz­er Bürg­er Riedinger, der Math­is unter­stützt und dessen Tochter Ursu­la in die religiös-poli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen hineinge­zo­gen wird. Oder der Bauern­führer Schwalb, eine Kämpfer­natur, der Grünewald aus der Iso­la­tion des Kün­stler­tums her­aus in die Auseinan­der­set­zun­gen hineinziehen will.
Simone Young und die gut disponierten Phil­har­moniker Ham­burg – der von Flo­ri­an Csiz­ma­dia bestens vor­bere­it­ete Chor des Haus­es ste­ht der Orch­ester­leis­tung in nichts nach – wer­den dem For­men­re­ich­tum der Musik eben­so wie ihrer glutvollen Expres­siv­ität, aber auch der Innigkeit gerecht. Mit Falk Struck­mann singt ein held­is­ch­er Wag­ner­bari­ton die Titel­par­tie: facetten­re­ich, die Zweifel eben­so wie den ver­meintlichen Auf­bruch überzeu­gend gestal­tend. Scott MacAl­lis­ter singt mit seinem sich­er-kraftvollen Tenor den Albrecht von Bran­den­burg mit all den Wider­sprüchen des Kirchen­fürsten, mit lyrisch­er Innigkeit überzeugt Inga Kalna als Regi­na, während Susan Antho­ny gele­gentlich mit über­schar­fer Höhe die Ursu­la singt. Für die hohe Qual­ität des Ensem­bles ste­hen auch Pär Lind­skog als Bauern­führer Schwalb oder die Bas­sautorität von Har­ald Stamm als Riedinger. So ist der Mitschnitt nicht nur als Doku­ment der Leis­tungs­fähigkeit der Ham­burg­er Oper begrüßenswert, son­dern auch als wichtige Ergänzung des Reper­toires, gibt es doch bis­lang nur zwei ver­di­en­stvolle Stu­dio­pro­duk­tio­nen von Math­is der Maler.
Wal­ter Schneckenburger