Bernstein, Leonard

Mass

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Chandos CHSA 5070(2), 2 CDs
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 72

„Jedes Werk, das ich schreibe, für welch­es Medi­um auch immer, ist in Wirk­lichkeit in irgen­dein­er Weise The­ater­musik.“ Zu dieser Aus­sage des Kom­pon­is­ten Leonard Bern­stein fügt sich ganz logisch der Unter­ti­tel seines Großw­erks “Mass – A The­atre Piece for Singers, Play­ers and Dancers”, das er im Auf­trag der Präsi­den­ten­witwe Jacque­line Onas­sis schuf zur Eröff­nung des New York­er John F. Kennedy Cen­ters im Sep­tem­ber 1971.
“Mass” ist auf dem Feld von Bern­steins geistlich­er Musik der direk­te Nach­fol­ger der “Chich­ester Psalms” von 1965, doch um vieles umfan­gre­ich­er und kom­plex­er. Der Kom­pon­ist ver­wen­det in dem fast 110-minüti­gen Werk auf der Basis der römisch-katholis­chen Messe und weit­er­er Texte von ihm selb­st sowie von Stephen Schwartz Bezüge vom Jazz bis zum Kirchen­lied, von der Marschmusik bis zum Pop­song, von der Wiener Klas­sik bis zum Broad­way. Und doch ist das, was mehrere Chöre, Vokal- und Instru­men­tal­solis­ten und ein sin­fonis­ches Orch­ester bieten, immer typ­is­che Bern­stein-Musik, in der Musi­cal-Charak­ter und klas­sizis­tis­che Ser­iösität die Bal­ance hal­ten.
Die vor­liegende Auf­nahme ist unter der Leitung des Diri­gen­ten Krist­jan Järvi im Feb­ru­ar 2006 im Fest­spiel­haus St. Pöl­ten ent­standen. Mit dem Tonkün­stler-Orch­ester Niederöster­re­ich musizieren die Instru­men­tal­is­ten des Absolute Ensem­ble, es singt der „Street Cho­rus“ Com­pa­ny of Music, der Cho­rus sine nomine und der Tölz­er Knaben­chor, als Haupt­solist wirkt der Bari­ton Ran­dall Scar­la­ta.
Vom Stim­mengewirr des Kyrie-Vor­spiels geht es zum ruhevollen Hym­nus und zum Psalm “A Sim­ple Song”, der sich ganz nah bei Bern­steins Oper “Can­dide” und dem Musi­cal “West Side Sto­ry” bewegt. Hier ler­nen wir gle­ich den Haupt­solis­ten ken­nen: Ran­dall Scar­la­ta singt mit geschmei­di­ger Stimme, präzise phrasierend und artikulierend. Er ist sowohl zu vir­il­er Kraft als auch zu sinnlich­er Lyrik fähig. Das fol­gende swin­gende Hal­lelu­ja bietet eine der echt­en Jazz-Anlei­hen des Kom­pon­is­ten, später kom­men noch drei „blues singers“ und drei „rock singers“ zum Zuge. Ein Vergnü­gen ist es, den von Ger­hard Schmidt-Gaden ein­studierten Tölz­er Knaben­chor zu hören mit glock­en­reinen Stim­men und dem Knaben­so­pran Georg Drex­el als Solis­ten.
Das gut disponierte niederöster­re­ichis­che Tonkün­stler-Orch­ester unter Krist­jan Järvi, der den riesi­gen Appa­rat mit allen Chören und Solis­ten gut zusam­men­hält, bekommt in diesem „The­atre Piece“ in zwei der drei zum Werk gehören­den Med­i­ta­tio­nen gle­ich­sam die Bühne für sich allein. Die zweite Med­i­ta­tion mit Vio­lon­cel­lo war übri­gens ein von Mstis­law Ros­tropow­itsch sehr geschätztes Stück, und Bern­stein hat für ihn eigens “Three Med­i­ta­tions” arrang­iert. Die let­zte der drei Med­i­ta­tio­nen in “Mass” führt Orch­ester, Chor und Bari­ton­so­lo in “De pro­fundis” zu ein­er Art vor­weggenommen­em Finale zusam­men. Die vor­liegende Pro­duk­tion ist sowohl inter­pre­ta­torisch als auch doku­men­tarisch wertvoll; denn kom­plette Auf­nah­men von Mass sind sel­ten. Außer ein­er vom Kom­pon­is­ten selb­st geleit­eten Ein­spielung und ein­er weit­eren im Diri­gat von Kent Nagano ist mir keine andere bekan­nt.
Gün­ter Buhles