Döhl, Frédéric

Mashup in der Musik

Fremdreferenzielles Komponieren, Soundsampling und Urheberrecht

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Transcript, Bielefeld 2016
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 59

Die Geschichte des Pla­giats in der Musik ist wahrschein­lich so alt wie die Musikgeschichte selb­st. Denn wie jede Kun­st­form entste­ht auch Musik bis heute nicht aus dem Nichts, son­dern ist bee­in­flusst durch die Vielfalt bere­its vorhan­den­er Werke. „Vari­a­tio­nen über ein The­ma von…“ ist da his­torisch noch der augen­fäl­lig­ste Hin­weis auf die Ver­wen­dung oder Bear­beitung eines frem­den Werks. Die sub­til­eren Ent­nah­men einzel­ner Pas­sagen, Stilele­mente, Melodi­eschnipsel, Akko­rd­fol­gen etc. aus vorhan­de­nen Musik­stück­en führt immer wieder zu erbit­terten Stre­it­igkeit­en vor den Gericht­en. Dies gilt vor allem dann, wenn ein Titel – meist in der Rock- oder Pop-Musik – als Best­seller wirtschaftlich beson­ders erfol­gre­ich ist. Die durch die fortschre­i­t­ende Dig­i­tal­isierung inzwis­chen beliebige tech­nis­che Repro­duzier­barkeit von Musik hat in den ver­gan­genen zwei Jahrzehn­ten zu völ­lig neuen Erschei­n­ungs- und Ver­wen­dungs­for­men und neuen juris­tis­chen Prob­le­men geführt. Da wird kopiert, gesam­pelt, gemis­cht, remixt etc.
Frédéric Döhl arbeit­et als Jurist, ist aber auch Musik­wis­senschaftler. In seinem Buch, das die über­ar­beit­ete Fas­sung sein­er Habil­i­ta­tion­ss­chrift darstellt, befasst er sich sowohl mit der Geschichte als auch mit der aktuellen Lage der Nutzung fremder Werke in der Musik. Im ersten Kapi­tel geht es um die aktuelle urhe­ber­rechtliche Sit­u­a­tion. Was darf ein soge­nan­nter Mashup-DJ aus bere­its vorhan­de­nen, frem­den Auf­nah­men neu mis­chen und als eigenes Werk her­aus­geben? Kurz nach Erscheinen des Buchs – der Autor wollte bewusst nicht abwarten – hat das Bun­desver­fas­sungs­gericht hierzu eine Grund­satzentschei­dung getrof­fen, die es sog­ar auf die erste Seite der deutschen Tageszeitun­gen schaffte. Vere­in­facht sagt das Bun­desver­fas­sungs­gericht: „Sam­pling“ (also die Über­nahme klein­er Ton­schnipsel aus frem­den Auf­nah­men) kann auch ohne aus­drück­liche Genehmi­gung der Berechtigten zuläs­sig sein, aber das daraus neu entste­hende Werk darf nicht in wirtschaftliche Konkur­renz zum Orig­i­nal treten. Für die Klärung der Rechts­frage ein Meilen­stein, für die Zukun­ft aber auch Grund­lage für neue Stre­it­igkeit­en.
Und um die zu bear­beit­en, dürfte sich für Fachjuris­ten eben­so wie für Musik­wis­senschaftler, Kom­pon­is­ten und andere Nutzer bzw. Bear­beit­er fremder Auf­nah­men auch zukün­ftig der Blick in das Buch lohnen. Im zweit­en Kapi­tel beschreibt der Autor die Geschichte und Ästhetik des Mashup-Gen­res, die in dieser Form nur mit der Entwick­lung des Inter­nets zu erk­lären ist. Der Inter­essierte find­et hier zahlre­iche promi­nente Beispiele neu veröf­fentlichter Werke, die Mate­r­i­al älter­er Frem­dauf­nah­men ver­wen­den (was früher mit aus­drück­lich­er
Genehmi­gung auch schon möglich war).
Im drit­ten Kapi­tel geht es dann noch ein­mal ver­tieft um das Urhe­ber­recht und Mashup, im vierten schließlich um die Frage fair­er Nutzungs- und Vergü­tungsregelun­gen. Obwohl als wis­senschaftlich­es Werk geschrieben, ist das Buch auch für Nichtjuris­ten sehr gut ver­ständlich.
Ger­ald Mertens