Fürst, Marion

Maria Theresia Paradies

Mozarts berühmte Zeitgenossin

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Böhlau, Wien 2005
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 74

„Unbe­grei­flich und unglaublich ist das Spiel des lieblichen Mäd­chens, die auch unter den Sehen­den nur wenige Vir­tu­osen ihres­gle­ichen hat“, schwärmte ein Zeitgenosse über die blinde Pianistin und Kom­pon­istin Maria There­sia Par­adis. Eine umfängliche Mono­grafie über sie fehlte bis­lang im deutschen Sprachraum und Mar­i­on Fürst hat sich allein schon durch das Sam­meln und Ver­w­erten der ver­streuten Quellen, die sie mit den Ergeb­nis­sen aus der Sekundär­lit­er­atur verbindet, Ver­di­en­ste erwor­ben. Die Autorin ver­weigert sich der herkömm­lichen musik­wis­senschaftlichen Meth­ode, Musik­w­erke mit den im musikalis­chen Kanon der Zeit enthal­te­nen Spitzen­werken zu ver­gle­ichen und Kleinmeister(innen) von den großen Meis­tern abzuset­zen. Sie ist vielmehr bemüht, die musikalis­che Betä­ti­gung von Maria There­sia Par­adis in den Entstehungs‑, Lebens- und Sozialkon­text einzu­bet­ten und dadurch ver­ständlich zu machen.
Die Erblind­ung des musikalisch hochbe­gabten Mäd­chens und die Tor­turen, die es erlei­den musste beim Ver­such, das Augen­licht wieder­herzustellen, wer­den in der Krankengeschichte aus­ge­bre­it­et, wobei sich die Autorin ohne jegliche Speku­la­tion an die Quellen hält. Als 24-Jährige trat Par­adis eine fast drei­jährige Vor­tragsreise an, obwohl Zeitgenossen bere­its Frauen ohne Behin­derung vor dem Reisen warn­ten, da es ihnen als weib­liche Wesen an „Selb­ständigkeit und Fes­tigkeit des Charak­ters“ gebreche. Mit Hil­fe des Stamm­buchs der Kün­st­lerin, in das sich viele Berühmtheit­en ein­tru­gen, sowie ver­streuter zeit­genös­sis­ch­er Zeitungs- und Einzel­berichte wird die Tournee nachvol­l­zo­gen und mit Infor­ma­tio­nen über die kul­turelle Sit­u­a­tion in den jew­eili­gen Städten ver­bun­den.
In Wien entwick­elte Par­adis nach ihrer Rück­kehr eine rast­lose Konz­ert­tätigkeit vor allem im eige­nen Heim, und die Grün­dung ein­er Musikschule für junge Frauen war 1808 eine absolute Neuheit. Auf die fan­tasievolle Auss­chmück­ung ihrer Per­son in Roma­nen und Fil­men, über die Fürst in einem geson­derten Abschnitt referiert, kön­nte man verzicht­en, nicht dage­gen auf die Besprechung ihrer Musik­w­erke, die behut­sam und ken­nt­nis­re­ich vorgenom­men wird. Die bevorzugte kleine Lied­form, das Streben nach Natür­lichkeit, die Beschei­den­heit: das klingt alles tra­di­tionell „weib­lich“. Eine gen­der­spez­i­fis­che Ein­schätzung wäre aber angesichts des Son­der­sta­tus der Blind­heit und des nur bruch­stück­haft erhal­te­nen Schaf­fens wohl eher speku­la­tiv und so hält sich die Autorin in dieser Hin­sicht klug zurück. Es bleibt der Ein­druck von ein­er hochbe­gabten Musik­erin, die ihre Möglichkeit­en bis zum Äußer­sten auss­chöpfte und mit Liedern, Klavier­fan­tasien und Singspie­len Beachtlich­es schuf.
Eva Rieger