Wendt, Gunna

Maria Callas

Die Kunst der Selbstinszenierung

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Berlin 2006
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 80

Gian­car­lo Tanzi gehört zur Heer­schar der­er, die ihr erlegen sind: 1955 hörte er Maria Callas zum ersten Mal im Radio sin­gen und begann for­t­an alles zu sam­meln, was mit ihr und ihrer Gesangskun­st zu tun hat. 1973 lernte er sie per­sön­lich ken­nen und 1994 grün­dete er den Vere­in „per/für Maria Callas“, der sei­ther zahlre­iche Ver­anstal­tun­gen zu Ehren der Diva ini­ti­iert und organ­isiert.
Fotos aus Tanzis Samm­lung waren Bestandteil der Ausstel­lung Maria Callas oder Die Kun­st der Selb­stin­sze­nierung, die von Feb­ru­ar bis Mai 2006 im Deutschen The­ater­mu­se­um München gezeigt wurde – vom 1. Juni bis 17. Sep­tem­ber 2006 wird sie im Öster­re­ichis­chen The­ater­mu­se­um Wien (Lobkow­itz­platz 2, Dien­stag bis Son­ntag, 10 bis 18 Uhr) zu sehen sein, kuratiert jew­eils von Gun­na Wendt.
Die Schrift­stel­lerin Wendt war es, die den klu­gen Kat­a­log­text geschrieben hat, wofür ihr nicht zulet­zt Tanzi und Callas-Biografin Clau­dia Balk in zahlre­ichen Gesprächen Stoff geliefert haben. Der rote Faden der span­nend und gut zu lesenden Biografie ist der Aspekt der Selb­stin­sze­nierung der Sän­gerin Callas am Beispiel der Opern La Travi­a­ta, Tosca, Medea und Nor­ma sowie des Films Medea. Maria Callas über­ließ nichts im Leben dem Zufall oder nur dem Tal­ent, son­dern erar­beit­ete sich ihre bis heute unerr­e­ichte Spitzen­po­si­tion als Sänger­darstel­lerin mit Diszi­plin und Fleiß.
Leg­endär ist ihre Fähigkeit, eine Opern­fig­ur lebendig wer­den zu lassen. Wer sie sah, kon­nte sich ihrer Fasz­i­na­tion nicht entziehen, auch jene, die über die Schön­heit ihrer Stimme haderten. Der Diri­gent Tul­lio Ser­afin, befragt, ob er diese für schön oder für hässlich hielte, beschrieb das Phänomen Callas so: „Welche Stimme, die als Nor­ma, Vio­let­ta, Lucia? Dann gab es noch ihre Medea, Isol­de, Ami­na – ich kön­nte noch mehr nen­nen. Ver­ste­hen Sie, sie hat­te für die unter­schiedlichen Rollen ver­schiedene Stim­men. Ich habe viele Stim­men der Callas ken­nen gel­ernt. Sie kön­nen mir glauben, ich habe nie darüber nachgedacht, ob ihre Stimme schön oder hässlich ist. Ich weiß nur, dass es stets die richtige war, und das ist mehr als schön.“
Die Fotografien im Buch zeigen uns Nachge­bore­nen die Sän­gerin auf den berühmten Opern­büh­nen der Welt und auf der Bühne des Lebens. Man wird nicht satt, ihre Schön­heit, Wand­lungs­fähigkeit und Aus­drucksvielfalt zu bewun­dern.
Ein gelun­ge­nes und empfehlenswertes Buch, dem nur ein klein­er Man­gel anhaftet, eine sprach­liche Polit­i­cal-Incor­rect­ness: Immer wieder heißt es „die Callas“, nie jedoch „der Bern­stein“ oder „der Vis­con­ti“ oder „der Pasoli­ni“. Bei Män­nern genügt der Nach­name, bei Frauen muss ein „die“ dazu. Warum nur?
Andrea Raab