Seifert, Wolfgang

Marek Janowski

Atmen mit dem Orchester

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 63

Marek Janows­ki, von der Presse jüngst respek­tvoll als „ein­er der let­zten Zucht­meis­ter und Bona­partes des deutschen Orch­ester­pults“ tit­uliert, leit­et heute das tra­di­tion­sre­iche Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Berlin, das er nicht nur ret­tete, son­dern auch inner­halb weniger Jahre in der vorder­sten Rei­he der deutschen Orch­ester posi­tion­ieren kon­nte. Die Musik­er erwiesen ihm ihre Dankbarkeit, indem sie ihn zum Chefdiri­gen­ten auf Leben­szeit macht­en. Eine größere Anerken­nung ist für einen Diri­gen­ten wohl nicht denkbar.
Wolf­gang Seifert würdigt mit sein­er zum 70. Geburt­stag Janows­kis erschiene­nen Biografie das Lebenswerk eines Diri­gen­ten, der wie kaum ein ander­er die europäis­che Orch­esterkul­tur geprägt hat. Janowskis Arbeit set­zt bei Handw­erk­lichem an: bei der For­mung des Appa­rates selb­st, wobei ihm vol­lkommenes Zusam­men­spiel und sorgsam aus­tari­erte Klang­bal­ance die unverzicht­bare Basis für alles Weit­ere darstellen. Daraus resul­tiert ein außeror­dentlich far­biges, trans­par­entes Klang­bild, wie es heute sein Rund­funk-Sin­fonieorch­ester kennze­ich­net.
Seiferts Buch ist ele­gant geschrieben und flüs­sig zu lesen. Ohne Pri­vates auszus­paren, han­delt es sich im Wesentlichen um eine Berufs­bi­ografie, die durch das gele­gentliche Ein­streuen von auto­bi­ografis­chen Selb­stauskün­ften Authen­tiz­ität gewin­nt. Chro­nol­o­gisch wer­den die einzel­nen Lebenssta­tio­nen, begin­nend mit der beson­deren Prä­gung Janowskis als deutsch-pol­nis­ches Kriegskind, sil­hou­et­tiert. Seiferts Darstel­lung durchzieht – ohne eine Eloge zu sein – eine große Sym­pa­thie gegenüber seinem Gegen­stand.
Und tat­säch­lich ist das Muster, das Janowskis Lebenswerk durch­wirkt, faszinierend: Immer wieder hat er sich dem Auf­bau zweitrangiger Orch­ester ver­schrieben, die er inner­halb kurz­er Zeit zu inter­na­tionalen Spitzen­ensembles formte. Janowskis Pro­fil ist unver­wech­sel­bar: Als ein­er der bedeu­tend­sten Wag­n­er-Diri­gen­ten hat er nie in Bayreuth dirigiert und wird es auch kün­ftig nicht. Denn überzeugt von der drama­tis­chen Kraft der Wagner’schen Musik wird er den seit sein­er leg­endären Dres­d­ner Schallplat­tenein­spielung von 1983 eingeschla­ge­nen Weg ein­er nicht­szenis­chen Auf­führung Wagner’schner Werke auch in Zukun­ft weit­er fort­set­zen.
Wie kaum ein ander­er hat sich Janows­ki um den Abbau kul­tureller Bar­ri­eren bemüht: In Frankre­ich etablierte er Bruck­n­er, in deutschen Orch­estern entwick­elte er das Gespür für franzö­sis­che Musik; für viele Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts und ins­beson­dere solche, die jen­seits des klas­sis­chen Kanons liegen, set­zte er sich vehe­ment ein. Im Berlin der „Nach­wende“ kämpfte er für die Über­win­dung men­taler Ost-West-Bar­ri­eren.
Man muss Seifert für sein empfehlenswertes Buch, das auch ein Doku­ment der europäis­chen Orch­esterkul­tur ist, dankbar sein, denn jedem Leser wird klar: wofür ein Diri­gent da ist; dass es ein Ethos des Dirigierens gibt; worin es beste­ht und dass es, kon­se­quent gelebt, Berge ver­set­zen kann.
Andreas Eichhorn