Denhoff, Michael

Maramba op. 100

für Flöte und Celesta

Rubrik: Noten
Verlag/Label: edition gravis, Bad Schwalbach 2005
erschienen in: das Orchester 11/2006 , Seite 91

Töne, die vere­inzelt in die Zeit drin­gen, sich darin ver­lieren, sich darin find­en. Töne, die selt­sam zusam­men­hang­los aus dem Nichts zu kom­men scheinen und dann doch schnell eine Form find­en. Töne, die schein­bar an Leucht­fä­den hin- und her­pen­deln, sich miteinan­der ver­mis­chen, sich gegen­seit­ig anschub­sen, sich ins Wort fall­en, aus dem leicht­en Plaud­ern zum Erzählfluss wer­den: Maram­ba ist ein Klang viel­er Far­ben, ein zum Wort geronnen­er Wohl- und Wehe­laut, ein Fan­tasiebe­griff aus der Lit­er­atur.
Die Kom­po­si­tion für Flöte und Celes­ta ist nicht das erste von der Lit­er­atur bee­in­flusste Werk des 1955 in Ahaus gebore­nen Kom­pon­is­ten: In zahlre­ichen Werken für die unter­schiedlich­sten Instru­mentalkom­bi­na­tio­nen spiegelt sich Michael Den­hoffs enge Beziehung zu den musis­chen Nach­barkün­sten wider. So find­et sich auch in der vor­liegen­den Kom­po­si­tion für Flöte (auch Bass­flöte) und Celes­ta (Klavier) aus dem Jahr 2005 ein zutief­st beredter Stil, der zugle­ich flüchtiges Klan­gereig­nis und nach­haltige Sprachas­sozi­a­tio­nen verbindet: Den­hoff kom­ponierte Maram­ba beein­druckt von der Lek­türe des gle­ich­nami­gen Buchs der mit 21 Jahren tödlich verunglück­ten öster­re­ichis­chen Autorin Paula Köhlmeier. Köhlmeier zeich­net in ihren 47 Kurzgeschicht­en flüchtige Beziehun­gen; „was ihre Fig­uren sich zu sagen haben, dauert eine Zigarette und die Liebe hält sel­ten länger“ (Mar­tin Hal­ter, FAZ, 24. August 2005).
Schillernd und zauber­haft also; und so stellt die ungewöhn­liche und doch nicht zulet­zt seit Tschaikowsky umso märchen­haftere Kom­bi­na­tion Celesta/Querflöte mit ihrem sphärischen, schweben­den Poten­zial eine kon­ge­niale Adap­tierung der Lek­türen­emo­tion in Musik dar; ein Ein­druck, der durch die Klangflächen evozierende Ped­al­isierung und den Ein­satz von Viertel‑, Dreivier­tel- oder auch Sech­steltö­nen in der Flöte noch gestärkt wird. Flim­mernde Klangstruk­turen entste­hen durch die Über­lagerung von Dis­so­nanzen, die sich im Nach­hall abschwächen und durch neue, ins­beson­dere in der Flöte sich inten­sivierende Motivsteigerun­gen in wieder­belebte Impulse gewan­delt wer­den.
Ein inten­siv­er Dia­log entste­ht zwis­chen Flöte und Celes­ta; die Musik­er wer­den in der kom­plex­en Anlage vor äußerst reizvolle Her­aus­forderun­gen gestellt. Rhyth­misch raf­finiert entwick­elt sich aus dem zart fra­gen­den Anfang ein emo­tion­al insta­biles, agogisch unruhiges Aus­tari­eren der schmerzvollen Süßigkeit. Den­hoff lotet hier in ein­er fast Skr­jabin ver­gle­ich­baren mon­o­dy­namis­chen Annäherung an die Stille gezielt den unteren Laut­stärke­bere­ich aus, in der die Pausen in den Instru­menten phasen­weise beina­he mehr Bedeu­tung erlan­gen als die Melodiefet­zen. In diese Stille einge­flocht­ene flim­mernde Vibra­tio­nen ver­lei­hen dem Werk zusät­zlichen Reiz. Den­hoff schuf mit Maram­ba ein faszinieren­des Konz­ert-Kabi­nettstück.
Christi­na Humenberger