Goehr, Walter

Malpopita

Funkoper (1931)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio 60124
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 85

In den 1920er Jahren nutzten viele Kom­pon­is­ten massen­wirk­same Medi­en, das Radio ins­beson­dere. Dessen spez­i­fis­che Erfordernisse (z. B. Textver­ständlichkeit, mikro­fon­gerechte Instru­men­tierung) kon­gruierten mit ein­er bewussten Vere­in­fachung der musikalis­chen Sprache. Weills/Hindemiths Lehrstück Der Lind­bergh­flug oder Eislers Kan­tate Tem­po der Zeit sind hier­für Beispiele, selb­st Schön­bergs Zeitop­er Von heute auf mor­gen wurde bald nach ihrer Urauf­führung vom Rund­funk über­tra­gen.
Wal­ter Goehr, 1903 in Berlin geboren, 1932 ins britis­che Exil gezwun­gen, war ein viel­seit­iger Diri­gent, als Kom­pon­ist geri­et er in Vergessen­heit. Seine Malpopi­ta (1931) gilt als erste eigentliche Radioop­er, von der jet­zt eine Live-Auf­nahme vor­liegt, real­isiert in ein­er Berlin­er Fab­rikhalle. Da nur ein Klavier­auszug greif­bar war, erstellte Andrew Hen­nan geschickt eine Neuin­stru­men­ta­tion.
Malpopi­ta ist eine Aussteiger­sto­ry, ein Traum, ein Märchen, eine Alle­gorie. Adam Schikedanz, der Indus­triear­beitswelt müde, heuert auf der Esper­an­za an zur Fahrt auf die Trau­min­sel Malpopi­ta, ver­liebt sich in die Kapitän­stochter Eve­lyne, ruft die Eifer­sucht des Steuer­manns her­vor, erlebt einen Schiff­bruch, wird Zeuge der Ent­deck­ung von Öl sowie der Grün­dung ein­er „Malpopi­ta Oil Com­pa­ny“, die die Arbeit­er, auch ihn, genau­so aus­beutet wie zu Beginn. Das abge­druck­te Libret­to, nicht immer leicht les­bar wegen ein­er Pal­men­land­schaft im Hin­ter­grund, weicht zuweilen etwas von den Auf­führung­s­tex­ten ab und ist auch nicht ganz voll­ständig (z. B. fehlt in Nr. 3 „Wan­der­lied“ der zweite Ein­wurf der Sprech­stimme).
Im Book­let wird Goehrs Musik fast auss­chließlich durch Ver­weise auf andere Kom­pon­is­ten definiert (im Gegen­satz dazu Sohn Alexan­der in dem die CD beschließen­den Radio-Fea­ture). Trotz Anklän­gen an seinen Lehrer Schön­berg, an Weill, trotz Zitat­en (die Nr. 4 „Kneipen­szene“ nimmt Ralph Arthur Roberts’ Auf der Reeper­bahn nachts um halb eins auf) bleibt ein eigen­er Ton­fall gewahrt, har­monisch und klan­glich vielfältig dif­feren­ziert, inhaltlich jedoch oft ohne Hal­tung. Kaum verdeut­licht die Musik die Charak­tere oder typ­isiert diese, sie übertreibt oder karikiert auch nicht an geeigneten Stellen. Im Melodis­chen gelingt Goehr keine Eingängigkeit, jedoch liefern einige Motive und die Bogen­form Wieder­erken­nungswert.
Jin Wang leit­et die eigens zusam­mengestell­ten Ensem­bles (Kam­merorch­ester und ‑chor) stilis­tisch sich­er, der Chor ist rhyth­misch nicht immer ein­heitlich. Die Solis­ten­par­tien sind solide beset­zt: Lil­ia Milek gelingt mit ihrem flex­i­blen Sopran eine gute Rol­lengestal­tung, ermü­dend wirkt der unab­hängig von der jew­eili­gen Szener­ie stets gle­ichar­tige, rufende Sprech­ton – sich­er der Größe des Auf­führung­sorts geschuldet. Hier fehlt die dem Rund­funk eigene Mikro­fon­nähe, die größere Dif­feren­zierung erlaubte. Eine Textver­ständlichkeit ist nicht immer gewährleis­tet, auch eine Folge der Kom­po­si­tion­sweise, da die Stim­men sich mehrmals über­lagern.
Diese Pro­duk­tion ist nicht nur von his­torischem Inter­esse. Sich­er wird diese Oper kein Reper­toirestück, doch für kleinere Büh­nen eignet sie sich dur­chaus. Bedeutet das Medi­um Radio den Verzicht auf einen unmit­tel­baren Kon­takt zwis­chen Darsteller und Pub­likum, bedeutet dies nicht, dass ein solcher­art kom­poniertes Werk auf Szene gän­zlich verzicht­en müsste: Goehrs Musik ist büh­nen­wirk­sam.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau