Ruhnke, Ulrich

Made in Taiwan

Mit Liebe und Willen: Taiwan schließt an die internationale Klassikszene an

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 08
Plastikspielzeug, Billigprodukte, Technikverliebtheit – das westliche Klischee von Taiwan ist scheinbar unverwüstlich. Das Ausland, hypnotisiert von den gewaltigen Veränderungen in China, nimmt jene im benachbarten, wesentlich kleineren Taiwan kaum wahr. Nahezu unbemerkt ist hier in den vergangenen Jahren eine blühende Klassikszene herangewachsen und zum festen Bestandteil des Lebens im neuen Taiwan geworden.

Artikel (12 S.) unten zum Download

Auszug:

Er ist der Größte. In Bronze gegossen, kolos­sal, mit riesen­haftem Haupt und visionärem Blick. Hier oben in der hehren Halle auf dem mon­u­men­tal­en Trep­pensock­el im Zen­trum von Taipeh liegt ihm, Chi­ang Kai-shek, die Stadt zu Füßen. Außer­dem sitzt ihm der Kaiser zur Recht­en und die Kaiserin zur Linken. Natür­lich nicht realiter. Auch nicht als Denkmäler flankieren sie ihn, son­dern als Architek­tur gewor­dene Erin­nerung, als zwei Tem­pel. Die bei­den wesentlich niedrigeren Baut­en sind der Gedächt­nishalle, in der die Stat­ue Chi­ang Kai-sheks verehrt wird, vorge­lagert und mit Orna­menten verziert, die einzig dem chi­ne­sis­chen Kaiser­paar vor­be­hal­ten sind. Das kundi­ge Auge erken­nt hierin nicht nur ein Sym­bol für die Präsenz der zwei Hoheit­en, son­dern kann auch ihr Geschlecht unter­schei­den. Feine Abwe­ichun­gen in der For­men­sprache machen es möglich. Darüber hin­aus erken­nt es in der Sym­me­trie der Gebäude und der Anlage des Platzes dazwis­chen eine Anspielung auf die Ver­botene Stadt in Peking, Zen­trum und städte­baulich­er Aus­druck ehe­mals uneingeschränk­ter kaiser­lich­er Gewalt – ein Sym­bol der Macht. Doch trans­feriert hier nach Taipeh ist es zu einem der Ohn­macht gewor­den, Kaiser und Kaiserin wer­den vorge­führt als Unter­wor­fene, gedemütigt, damit der neue Machthaber in umso glanzvollerem Licht erstrahle: Chi­ang Kai-shek, der Vater des neuen Taiwan.

In jun­gen Jahren war Chi­ang Mitläufer der Bewe­gung, die 1912 die chi­ne­sis­che Kaiser­dy­nas­tie zum Umsturz brachte, später schaffte er es sog­ar bis ins Präsi­den­te­namt der noch jun­gen Re pub­lik. Doch als 1949 sein erbit­tert­ster Polit­feind, Mao Tse­tung von der Kom­mu­nis­tis­chen Partei, die Macht an sich reißt, flieht Chi­ang mit seinen Gefol­gsleuten auf die Chi­na vorge­lagerte Insel Tai­wan. Auf dem vor­mals auch „For­mosa“ genan­nten Eiland proklamiert er die pro­vi­sorische „Repub­lik Chi­na“ und erk­lärt sie als unab­hängig von Fes­t­land-Chi­na, das sich unter Mao nun „Volk­sre­pub­lik Chi­na“ nen­nt. Zwei Staat­en sind ent­standen, die ihrem Volk gle­icher­maßen Glück ver­sprechen, zunächst aber nur Unglück brin­gen und das Land mit Gewalt über — ziehen. Die Jahrzehnte nach 1949 sind für die tai­wane­sis­che Bevölkerung geprägt von Chi­angs Willkürherrschaft und von inter­na­tionaler Iso­la­tion. Erst als der Dik­ta­tor 1975 stirbt, begin­nt langsam die Zeit des Umbruchs. Und wie so oft in einem Sys­tem, das im Nieder­gang begrif­f­en ist, holen die Sys­temträger, das Ende genau erspürend, zu let­zten großen Tat­en aus. Nicht sel­ten sind es bloß Gesten, groß, aber kraft­los, das Beste­hende real­itäts­fern lobpreisend und große Denkmäler in die Erde setzend.

Auch das nach mehrjähriger Bauzeit 1980 eingewei­hte Ehren­mon­u­ment für Chi­ang ist das Pro­dukt eines solch verk­lärtverzweifel­ten Vorge­hens. In für Total­i­taris­mus typ­is­ch­er Gigan­tomanie errichtet, hat es die Frei­heits­be­stre­bun­gen des Volkes doch nicht unter sich begraben kön­nen. Mitte der 1980er Jahre wurde die erste Oppo­si­tion­spartei gegrün­det, wurde das seit Ende des Zweit­en Weltkriegs noch immer beste­hende Kriegsrecht aufge­hoben. Langsam begann die Demokratisierung des Lan­des, die 1996 mit der ersten freien und direk­ten Präsi­den­ten­wahl ihren ersten großen Sieg feierte. Tai­wans heutiges Hauptziel ist die offizielle Anerken­nung sein­er staatlichen Sou­veränität. Doch wed­er die Volk­sre­pub­lik Chi­na noch der über­wiegende Teil der inter­na­tionalen Staatenge­mein­schaft will ihm diese voll­ständig zugeste­hen. Lediglich 20 kleinere Län­der hat Tai­wan als diplo­ma­tis­che Befür­worter. Der chi­ne­sis­che Sitz im UN-Sicher­heit­srat wurde durch die Gen­er­alver­samm­lung der Vere­in­ten Natio­nen bere­its 1971 der Volk­sre­pub­lik Chi­na und nicht der Repub­lik Chi­na respek­tive Tai­wan zuge­sprochen. Die Bun­desre­pub­lik Deutsch­land ver­fol­gt weit­er­hin kon­se­quent ihre „Ein-Chi­na-Poli­tik“ und unter­hält in Taipeh auch keine Botschaft, son­dern nur ein „Deutsches Institut“.

Gle­ich­wohl das Land heute poli­tisch nach sein­er Posi­tion noch sucht, wirtschaftlich hat es diese längst gefun­den. Made in Tai­wan war schon vor 20 Jahren ein wohlbekan­ntes, weil weit ver­bre­it­etes Qual­itätssiegel, wen­ngle­ich mit zweifel­haftem Ruf. Bil­lige Massen­pro­duk­te – in unser­er Erin­nerung haben sie in Tai­wan ihr Ursprungs­land. Heute ist die Insel Heimat weltweit höchst respek­tiert­er Mikrochip- und Plas­mat­e­ch­nolo­gie. Die Wirtschaft boomt. Im Rück­en Chi­ang Kai-sheks, im nur wenige Kilo­me­ter ent­fer­n­ten, trendi­gen und ganz der Zukun­ft zuge­wandten Ost­bezirk ist ein beredtes Zeichen dafür in den Him­mel gewach­sen. Mit seinen 508 Metern über­ragt es die 70 Meter hohe Gedächt­nishalle Chi­angs um ein Vielfach­es und die davon höch­stens noch ein­mal die halbe Höhe erre­ichen­den kaiser­lichen Tem­pel sowieso: Taipei 101, das derzeit höch­ste Gebäude der Welt (und es ste­ht natür­lich in Tai­wan und nicht in Fes­t­land- Chi­na). Mit seinen 101 Stock­w­erken spielt es nicht nur auf einen die Hun­dert­prozent­marke übertr­e­f­fend­en Per­fek­tion­is­mus und die Zahlen des binären Sys­tems (die Eins und die Null) an, mit denen auf den tech­nol­o­gis­chen Auf­schwung des Lan­des und den damit ver­bun­de­nen wirtschaftlichen Erfolg hingewiesen wird. Es stellt zudem Chi­ang Kai-shek gnaden­los in den Schat­ten und zeigt unmissver­ständlich an, nach welch­er Reli­gion hier jet­zt gelebt wird: Geld, der Gott des nochmals neuen Taiwan.

Nicht ganz. Nicht nur ihm und dem Fortschritt ord­net das neue Tai­wan einen hohen Stel­len­wert zu, son­dern auch der Kul­tur. Immer­hin mussten Kaiser und Kaiserin für sie ihren Platz räu­men: Das Spiel mit den Anspielun­gen, das Aufw­erten und Abw­erten durch bauliche Zitate und architek­tonis­chen Bedeu­tungs­maßstab wurde von den Tai­wan­ern auf die Spitze getrieben, als sie den bei­den der Gedächt­nishalle vorge­lagerten Gebäu­den äußer­lich zwar die Form von Tem­peln gaben, sie in ihrem Inneren aber von Anfang an als Konz­erthalle und The­ater konzip­ierten. Was auf den ersten Blick leicht kurios anmutet, ist auf den zweit­en doch ein klares Beken­nt­nis. Hier auf dem zen­tralen Platz Taipehs, im Herzen der Haupt­stadt und in Sichtweite der Regierungs­ge­bäude, hat die Kul­tur ihren Ehren­platz erhalten.

Klas­sik in Taiwan 

Ein Tem­pel für Chi­ang und zwei für die Kul­tur. Das an sich ist schon bemerkenswert. Noch erstaunlich­er aber ist, dass sowohl die Nationale Konz­erthalle als auch das Nation­althe­ater, die zusam­men mit weit­eren kleineren Büh­nen das „Nationale Chi­ang Kai-Shek Kul­turzen­trum“ bilden, ins­beson­dere für die Auf­führung europäis­ch­er Klas­sik errichtet wur­den. Die Konz­erthalle ori­en­tiert sich mit ihrem schuh­schachtelför­mi­gen Innen­raum an der Tra­di­tion der großen alten europäis­chen Konz­erthäuser, ver­fügt über eine Recital­halle u. a. für Dar­bi­etun­gen deutschen Kun­stlieds (das ste­ht hoch im Kurs) und nicht zulet­zt über eine gewaltige Orgel, die zur Zeit ihres Baus die größte in ganz Asien war. Das Nation­althe­ater ist ein mod­ernes Rangth­e­ater mit Orch­ester­graben und für die Auf­führung west­lichen Opern­reper­toires geeignet. An der visuellen wie der akustis­chen Gestal­tung bei­der Audi­to­rien waren Fach­leute aus Deutsch­land wesentlich mit­beteiligt. Die Büh­nen­maße des Nation­althe­aters sind gar iden­tisch mit jenen des Pfalzbau-The­aters in Lud­wigshafen. Prächtige Foy­ers mit klas­sis­chen europäis­chen Architek­tur­for­men und tra­di­tionellen asi­atis­chen Orna­menten schla­gen die Brücke nicht nur zwis­chen Ost und West, son­dern auch zwis­chen zwei großen Kul­turen. Ihr Aus­tausch jedoch ist vornehm­lich einseitig.

Wie kommt das? Wie kommt es, dass Tai­wan zur Pflege der europäis­chen Kün­ste zwei Pracht­baut­en ini­ti­iert? Umgekehrt stand in Deutsch­land niemals zur Debat­te, mit öffentlichen Mit­teln ein chi­ne­sis­ches The­ater zu eröffnen.

Warum und seit wann die europäis­che klas­sis­che Musik in Tai­wan geliebt und gepflegt wird – kein­er kann diese Frage so recht beant­worten. Christliche Mis­sion­are zu Beginn des 20. Jahrhun­derts oder die Japan­er, die zwis­chen 1895 und 1945 auf der Insel regierten und die europäis­che Klas­sik schon damals kul­tivierten, etablierten in Tai­wan ein entsprechen­des Musik leben und damit den Beginn ein­er Entwick­lung, die derzeit mas­siv an Geschwindigkeit und Ein­fluss gewin­nt. Wie in Fes­t­land-Chi­na erfreut sich die Klas­sik auch in Tai­wan ein­er immer größer wer­den­den Beliebtheit. Wie bei kaum ein­er anderen außereu­ropäis­chen Kul­tur trifft sie hier auf ein tiefes Ver­ständ­nis und eine pos­i­tive Auf­nah­me­bere­itschaft, die über eine bloße Affinität weit hin­aus­ge­ht. Jür­gen Ger­big, Direk­tor des unter dem Namen „Deutsches Kul­turzen­trum“ fir­mieren­den Goethe-Insti­tuts in Taipeh und seit vie­len Jahren in Asien behei­matet, stellt eine ger­adezu naturgegebene Kon­ge­nial­ität nicht nur der Tai­wan­er und Chi­ne­sen, son­dern der Asi­at­en über­haupt zur europäis­chen Klas­sik fest – eine ange­borene Gefühls‑, Gemüts- und auch Geis­tesver­wandtschaft, in der er den eigentlichen Schlüs sel zum Erfolg der Klas­sik in Fer­nost sieht. Bei aller offen­sicht lichen Unter­schiedlichkeit hin­sichtlich kul­tureller und gesellschaftlich­er Tra­di­tio­nen und Prä­gun­gen gibt es zwis­chen Europäern und Asi­at­en anscheinend ver­bor­gen doch mehr Gemein­samkeit­en, als man gemein­hin geneigt ist anzunehmen. Den­noch ste­ht die Frage im Raum: Warum ist europäis­che Musik in Asien nicht nur erfol­gre­ich, son­dern zugle­ich erfol­gre­ich­er als tra­di­tionelle chi­ne­sis­che Musik?