J. S. Bach / Hindemith / Stahmer / Reger

Made in Germany

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Avie AV2289
erschienen in: das Orchester 02/2014 , Seite 80

Bere­its mit zwei intel­li­gent konzip­ierten CDs umkreiste Her­wig Zack, Pro­fes­sor für Vio­line und Musik an der Hochschule für Musik in Würzburg, während der ver­gan­genen Jahre das Reper­toire für solis­tis­che Vio­line. Wie diese Pro­duk­tio­nen zeich­net sich auch Zacks neueste Veröf­fentlichung durch Her­stel­lung werküber­greifend­er Kon­texte aus: Unter dem Titel Made in Ger­many verbindet der Geiger die Musik Johann Sebas­t­ian Bachs mit ihrer von Max Reger for­mulierten klas­sizis­tis­chen Neuau­flage und den voller Bach-Bezüge steck­enden Solow­erken Paul Hin­demiths. Diese geigerische Tour de force begin­nt mit der Wieder­gabe von Bachs Solosonate Nr. 1 g-Moll BWV 1001, bei der Zack sowohl eine bloß his­torisierende Klan­glichkeit wie auch einen über­mäßig roman­tisieren­den Anstrich ver­mei­det und stattdessen einem von stilis­tis­chen Erwä­gun­gen dik­tierten Umgang mit Klangge­bung und Vibra­toein­satz fol­gt. Die verzweigte Kantabil­ität des Kopf­satzes stimmt er in ruhi­gen Bögen an, die Fuge lässt er in logis­ch­er Tem­pore­la­tion und raschem Tem­po fol­gen, wobei seine Darstel­lung durch Sicher­heit in den schwieri­gen Pas­sagen und durch Klarheit bei der Umset­zung des kon­tra­punk­tis­chen Gewebes geprägt ist. Das „Ada­gio“ wiederum ist klangschön vor­ge­tra­gen, während Zack dem „Presto“ mit leichtem Nach­druck bei der Bogen­führung einen gewis­sen Biss ver­lei­ht.
Indem der Geiger dieser Sonate die Hindemith’schen Solow­erke gegenüber­stellt, macht er sowohl auf verbindende Ele­mente wie auch auf dis­tanzierende Ver­fahren aufmerk­sam. Die Sonate g-Moll op. 11/6 (1917/18), ein­drucksvolles Zeug­nis eines zwis­chen Klas­sizis­mus und vir­tu­os­er Musik hin und her geris­se­nen jun­gen Kom­pon­is­ten, wird von den bei­den Sonat­en op. 31 (1924) flankiert und zulet­zt durch das Frag­ment der um 1922 ent­stande­nen, nie vol­len­de­ten Solosonate ergänzt. Zacks Zugang besticht dadurch, dass er zwar auch dort die klas­sizis­tis­chen Ele­mente aus Hin­demiths Werken her­ausar­beit­et, wo der Kom­pon­ist eine dezi­diert mod­erne Hal­tung einzunehmen scheint, dass er aber zugle­ich auch dem bei anderen Inter­pre­ten oft ver­nach­läs­sigten skur­rilem Humor nach­spürt.
Am fern­sten ist der Geiger der Musik Bachs, wenn er sich in den Geretteten Blät­tern (2011/13) den dif­feren­zierten Klangvorstel­lun­gen Klaus Hin­rich Stah­mers hin­gibt, die auf ganz eigene Weise einen Bezug zum Titel der CD her­stellen. Denn Stah­mer entwirft seine Musik auf der Basis ein­er Mon­tage aus Zitat­split­tern, die er den Werken von Kom­pon­is­ten ent­nimmt, die während der Naz­izeit als „ver­femt“ gal­ten. Diesem mah­nen­den Erin­nern entspricht Zack durch raschen Wech­sel der geigerischen Aus­drucksmit­tel, dabei sowohl die zarten als auch die grotesken Momente des Werks unter­stützend. Mit Regers Cha­conne g-Moll op. 117/4 kehrt der Geiger dage­gen am Ende wieder zum Bach-Bezug zurück. Und auch den Charak­ter dieses Werks ver­mag er tre­f­flich einz­u­fan­gen, indem er den Vor­trag – passend zum Bach-Bild der Jahrhun­der­twende – durch wohldosierte Por­ta­men­ti auflock­ert.
Ste­fan Drees