Langley, Lee

Madame Butterflys Schatten

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bertelsmann, München 2010
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 65

Japan übt auf den Besuch­er eine eigene Fasz­i­na­tion aus, der sich auch Lee Lan­g­ley nicht entziehen kon­nte. So ist eine erhe­blich erweit­erte Nacherzäh­lung von Madame But­ter­fly ent­standen. Dass die Musik Puc­ci­nis fehlt, wird oft schmer­zlich spür­bar. Der Roman ist lan­gat­mig, zwar nicht ohne Fan­tasie, aber die vie­len his­torischen Fak­ten verzögern den Gang der Hand­lung. Hinzu kommt, dass die Autorin mit über­mäßig vie­len Adjek­ti­va arbeit­et, was dem Stil nicht ger­ade Ele­ganz ver­lei­ht. Apart ist die Ver­wen­dung japanis­ch­er Worte, die allerd­ings nicht immer über­set­zt wer­den. Reizvolle Bilder beleben den Text – so ist die Rede von Gestal­ten mit flachen Stro­hhüten, die sich aufricht­en und wie Pilze wirken, die aus dem Grün „in die Höhe schießen“.
Die Per­so­n­en, die auftreten, sind weit­ge­hend der Oper Puc­ci­nis ent­nom­men. Die Namen unter­liegen kleinen Änderun­gen: So wird aus Kate Nan­cy und Link­er­ton heißt Pinker­ton. Anson­sten bleibt vieles beim Alten, jedoch um unzäh­lige Nuan­cen erweit­ert. Wenn von „Stille zwis­chen Worten“ die Rede ist, denkt man an Pausen in der Musik. Auf rel­a­tiv pein­liche Intim­itäten im Bett wird nicht verzichtet. Ein Tee-Rit­u­al, Chanoyu genan­nt, ist in die Länge gezo­gen, es besitzt mys­tis­che Bedeu­tung.
Der Roman fol­gt der Vor­lage bis zur kurzen Rück­kehr Pinker­tons mit sein­er amerikanis­chen Frau. Sie nehmen das Kind mit. Nun ändert sich das Bild. Zurück­gekehrt in die USA begin­nt die Wirtschaft­skrise.
Pinker­ton nen­nt sich nun Ben, ver­lässt die Marine und eröffnet eine Autow­erk­statt. Das Kind, Joy genan­nt, sehnt sich nach sein­er Mut­ter Cho-Cho. Die schlechte Zeit wird in kräfti­gen Aus­drück­en gemalt. Ben schließt sich einem Zug von Vet­er­a­nen nach Wash­ing­ton an, um zu protestieren. Im Kampf fällt er. Nan­cy muss sich als Putzfrau verdin­gen und beteiligt sich beim Wahlkampf für Roo­sevelt. Nun gibt es immer wieder Rück­blenden, so ein Brief von Cho-Cho, die durch Kon­sul Sharp­less von Bens Tod erfährt. Sie hat ein amerikanis­ches Restau­rant eröffnet und inter­essiert sich für Frauen­rechte.
Die Ereignisse über­schla­gen sich: Angriff auf Pearl Har­bor, Joy wird als Aus­län­der (Japse) in ein Lager gebracht (viel zu aus­führlich geschildert), das einem Konzen­tra­tionslager gle­icht mit Wachtür­men etc. Joy meldet sich zum Heer und darf das Lager ver­lassen. Es fol­gen end­lose Kriegsszenen in Ital­ien und Frankre­ich, dann plöt­zlich ist er frei und reist nach Japan. Dort erfährt er von den Angrif­f­en auf Hiroshi­ma und am Schluss vom Tod sein­er Mut­ter. Jet­zt erst wird der Titel erk­lärt. Cho-Cho hat bei ihrem Tod einen Schat­ten an der Wand hin­ter­lassen. Joys Schat­ten ver­mag den ihren nicht zu berühren, weil sich eine Wolke vor die Sonne schiebt.
Let­ztlich ist es unver­ständlich, dass Elke Hei­den­re­ich ein solch zwiespältiges Buch in ihrer Edi­tion erscheinen ließ.
Ingrid Hermann