Kilger, Gerhard (Hg.)

macht musik

Musik als Glück und Nutzen für das Leben

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wienand, Köln 2005
erschienen in: das Orchester 10/2006 , Seite 87

Der Dop­pelsinn ist dur­chaus gewollt: „Macht Musik“ oder „macht Musik“, die Ausstel­lung und der Begleit­band der DASA (Deutsche Arbeitss­chutzausstel­lung) befassen sich mit nahezu allen Aspek­ten der Musik, von ihrer Entste­hung hin zu ihrem Nutzen, ihren sozialen, wirtschaftlichen oder poli­tis­chen Auswirkun­gen. Ver­ant­wortlich für die DASA ist die Bun­de­sanstalt für Arbeitss­chutz und Arbeitsmedi­zin. Die 1993 in Dort­mund eröffnete Deutsche Arbeitss­chutzausstel­lung soll über die Arbeitswelt und ihren Stel­len­wert in der Gesellschaft informieren. Die DASA ver­fol­gt nach eige­nen Angaben das Ziel, „den Arbeitss­chutzgedanken in die ganzheitliche Beant­wor­tung der Frage von Wet­tbe­werb­s­fähigkeit, Sozialverträglichkeit und Nach­haltigkeit einzubeziehen und dafür eine überzeu­gende, für die Zukun­ft tragfähige Per­spek­tive anzu­bi­eten“.
In einem sehr weit gefassten Sinn befasst sich auch die inter­ak­tive Ausstel­lung „macht musik“ der DASA mit solchen Zielset­zun­gen. Ger­hard Kil­ger, der Leit­er der DASA, zeich­net zugle­ich als Her­aus­ge­ber des Begleit­ban­des ver­ant­wortlich. Die Ausstel­lung ist als „Music Vil­lage“ gebaut: Die 13 Häuser des Music Vil­lage grup­pieren sich in Dort­mund um einen Platz „wie eine Piaz­za“. Durch eigen­ständi­ges „Erkun­den und Ent­deck­en lassen sich die Häuser erschließen und in jedem Haus uner­wartete Seit­en der Macht der Musik ent­deck­en“.
Solche Möglichkeit­en hat eine Pub­lika­tion indes nur in begren­ztem Umfang. Als rein­er Ausstel­lungs­führer ist der Band nicht konzip­iert, als eine direk­te „Gebrauch­san­weisung“ für die einzel­nen Sta­tio­nen von macht musik ist der Band auch nur eingeschränkt nutzbar. Vielmehr bemühen sich die hier ver­sam­melten Autoren, nahezu jeden Aspekt von Musik und Musik-Machen zu beleucht­en. Hör­phys­i­ol­o­gis­che, soziale, his­torische, aber auch auf­führung­sprak­tis­che Aspek­te wer­den hier auf unter­schiedlichem Niveau aus­ge­bre­it­et. Dabei nehmen Fra­gen der Rezep­tion von Musik immer wieder bre­it­en Raum ein.
Oft ist es aber so, dass wichtige Ansätze etwas zu knapp angeris­sen wer­den, ohne dann mit der notwendi­gen Tiefe behan­delt wer­den zu kön­nen. So ver­sucht Ger­not Böhme in „Von der Sphären­har­monie zum Sound­scape“ im Schnell­durch­lauf einen Blick auf die math­e­ma­tis­chen Prinzip­i­en, die hin­ter der Musik ste­hen. Armin Köh­ler befasst sich in „Die Befreiung des Klanges“ mit der neuen Wer­tigkeit, die das Geräusch bei Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts erhält, während die berühmte Sän­gerin Brigitte Fass­baen­der „Die Macht des Gesangs“ aus der Prax­is her­aus zu umreißen sucht. Pierre Boulez äußert sich zu der beson­deren Sit­u­a­tion von dirigieren­den Kom­pon­is­ten oder kom­ponieren­den Diri­gen­ten, ohne das Phänomen auf ein­fache Schlag­worte reduzieren zu wollen. Sehr inter­es­sant ist Mari­et­ta Morawska-Bün­gel­ers Abriss über die frühen Jahre der elek­tro­n­is­chen Musik am WDR-Stu­dio Köln, während Rein­hold Wagn­leit­ner auf weni­gen Seit­en die These vom Jazz als klas­sis­ch­er Musik der Glob­al­isierung ver­tritt. Dieser Ansatz hätte sich­er eine weit aus­holen­dere Beschäf­ti­gung gerecht­fer­tigt. Zum Pop-Musik­machen in Zeit­en totaler Kom­merzial­isierung gibt Abi von Rein­ing­haus einige inter­es­sante Fragestel­lun­gen vor, während Thomas Deit­mer sehr expliz­it die Schä­den am „Höror­gan durch Musik“ darstellt. Über das Prob­lem über Musik zu schreiben äußert sich der renom­mierte Musikkri­tik­er Joachim Kaiser, während Chris­t­ian Kaden in seinem Beitrag „Musik und Macht“ ein Gen­er­althe­ma der Ausstel­lung sehr knapp anreist.
macht musik wirkt wie ein sehr anre­gungsre­ich­es Puz­zle, das Fra­gen aufwirft und erste Ver­suche ein­er Beant­wor­tung macht. Der Reiz des Ban­des beste­ht in vie­len Momenten darin, die Ansätze der Autoren weit­erzu­denken und das eigene Ver­hält­nis zu Musik und Musik­machen zu über­prüfen.
Wal­ter Schneckenburger