Lost swing

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Xolo CD 1019
erschienen in: das Orchester 01/2011 , Seite 76

Der Titel Lost swing und das Cov­er dieser CD wirken auf den ersten Blick ein wenig nos­tal­gisch und melan­cholisch, doch wenn man die ersten Tak­te von There will nev­er be anoth­er you aus dem Musi­cal Ice­land von 1942 hört, merkt man sofort, dass es hier weniger um etwas ver­staubtes Ver­gan­ge­nes geht, son­dern viel mehr um etwas sehr klangvolles Lebendi­ges! Mit ein­er gelun­genen Kom­bi­na­tion aus Stan­dards des Jaz­zreper­toires und zeit­genös­sis­chen Stück­en ent­lockt Klar­inet­tist Wolf­gang Weth seinem Instru­ment nicht nur gesan­gliche Qual­itäten, son­dern bringt auch äußerst feinsin­nige Inter­pre­ta­tio­nen zu Gehör. Weth ist ein Klas­sik­er, der auf Jazz-Pfaden wan­delt und sein Instru­ment meis­ter­haft in Es‑, B- und Bass-Lage beherrscht. Nach seinen Stu­di­en an der Hochschule für Musik in Würzburg und Caen spielte er zunächst in Lübeck, Baden-Baden und Würzburg, bevor er Solok­lar­inet­tist der Badis­chen Staatskapelle wurde und klas­sis­che Klar­inette an der Musikhochschule Karl­sruhe lehrte. Seine behut­same Art, Klas­sik und Jazz miteinan­der zu koalieren, gelingt ihm und seinen Kol­le­gen aus dem Opera Swing Quar­tet immer wieder erfol­gre­ich aufs Neue.
Ein Höhep­unkt auf der CD ist die Ein­spielung von Erroll Gar­ners Misty, ein­fühlsam bringt der Klar­inet­tist die feine Melan­cholie dieser Bal­lade zum Klin­gen. Man glaubt fast Nebelschwaden in ein­samer Herb­st­stim­mung vorüberziehen zu sehen. Die Höhen und Tiefen zweier gemein­sam durchs Leben wan­dern­der Men­schen wer­den tem­pera­mentvoll in Makin’ Whoopee! umge­set­zt. Hoagland Howard „Hoagy“ Carmichael kom­ponierte den Song Geor­gia on My Mind im Früh­jahr 1930 und spielte ihn im Herb­st des­sel­ben Jahres ein, wobei er selb­st den Gesangspart über­nahm. Lul­la­by of Bird­land, die Hom­mage an den nach Char­lie „Bird“ Park­er benan­nten Jaz­zclub Bird­land, kommt so leicht­füßig und heit­er daher, dass man sich förm­lich in die Szener­ie ein­er Jam­ses­sion der 1950er ver­set­zt fühlt.
Zum Swing gesellt sich südamerikanis­che Stim­mung, zwei Bossa Nova geben dem „ver­lore­nen Swing“ eine beson­dere Würze: Piaz­zol­las Adios non­iño und die Huldigung an den Meis­ter des Bossa Obri­ga­do Car­los. Lost swing, der Titel­song, lässt die Instru­men­tal­far­ben von Weths Mit­stre­it­ern schillern und der Klar­inet­tist bril­liert mit seinem Instru­ment. Der Mond ist aufge­gan­gen leit­et hauchzart den Stan­dard Moon­light in Ver­mont ein. Eine weit­ere „Ode an den Mond“ ist Mor­gan Lewis’ um 1940 erst­mals am Broad­way vorgestelltes Stück How high the moon. Manch­mal meint man, Ella Fitzger­ald im Hin­ter­grund mit­sum­men zu hören. Fried­voll und san­ft klingt Wolf­gang Weths musikalis­che Frage What can I say after I say I’m sor­ry. Man fragt sich, kann es da über­haupt noch eine Steigerung geben? Der wahrschein­lich his­torisch wertvoll­ste Stan­dard ist Rose room oder auch In sun­ny Rose­land genan­nt von 1917, der in der Swing-Ära seine größten Erfolge erlebte. Aus­drucksvoll reichen sich Gospel und Blues in der Hymn to free­dom von Oscar Peter­son die Hand. Kurz und gut: Die Musik auf dieser CD ist eine Freude für die Seele und die Ohren!
Juliane E. Bally