Ljulka

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ensemble Modern Medien EMCD-008
erschienen in: das Orchester 07-08/2010 , Seite 69

Der bul­gar­ische Trompeter Sava Stoianov, Mit­glied des Ensem­ble Mod­ern, ist nicht nur ein mit allen Wassern mod­ern­er Blastech­nik gewasch­en­er Vir­tu­ose seines Instru­ments, der auch das Flügel­horn beherrscht und sich auf die schwierige Kun­st des Zink-Blasens ver­ste­ht. Seine musikalis­che Feuerseele treibt ihn auch, der Köni­gin Trompete neue Klan­gre­iche zu erschließen. Unabläs­sig fah­n­det er nach orig­inellen Stück­en und ver­leit­et Kom­pon­is­ten, die Trompete und ihre Ver­wandten mit so „art­frem­den“ Instru­menten wie Vio­lon­cel­lo oder gar Block­flöte zu verkup­peln. Zusam­men mit befre­un­de­ten Musik­ern spürt er uner­hörte Klang­wel­ten auf. Immer „open­mind­ed“: ohne ästhetis­che Prüderie, Spar­tendenken, Gen­re­bar­ri­eren. Kom­poniertes und Impro­visiertes, Volk­stüm­lich­es und Kun­st­gelehrtes, Unter­halt­sames und Speku­la­tives, Genaues und Unge­fähres, Gauk­lerisches und Ver­sonnenes, Ver­track­tes und Schlicht­es ergänzen sich zu einem Kos­mos, in dem alles irgend­wie mit allem zusam­men­hängt.
Von ein­er vir­tu­osen Fan­fare des Russen Edi­son Denisov ein­geleit­et, begin­nt die interkul­turelle Klan­greise in der Heimat des Trompeters. Genauer: in den Rhodopen, jen­em wal­dre­ichen Mit­tel­ge­birge im Süden Bul­gar­iens, in dessen abgele­ge­nen Dör­fern sich die alten Volks­ge­sangsweisen über die Jahrhun­derte rein erhiel­ten. Rodopi heißt die wun­der­same Med­i­ta­tion über das Dialek­tlied Geh’, Mäd­chen, kein Wass­er holen für bul­gar­ische Frauen­stimme und Flügel­horn – ohne fix­es Metrum, doch san­ft pulsierend. Die charak­ter­is­tis­chen, orna­men­tar­ti­gen Ton-Umspielun­gen und glei­t­en­den Ton­verbindun­gen erin­nern an ori­en­tal­is­che oder indis­che Musik. Mit der Gadul­ka, der bul­gar­ischen Fidel, und Zink bzw. Trompete fan­tasieren Geor­gi Andreev und Sava Stoianov über drei weit­ere Volk­slieder des Balkan­lan­des: Bist du eine Tulpe, bist du eine Hyazinthe?, ein Mäd­chen­lied aus der Dobrud­scha (Nord­bul­gar­ien), und zwei Lieder aus der Schop-Region um Sofia, die für ihre raschen Tem­pi und sekun­den-scharfe Zweis­tim­migkeit bekan­nt ist („Schwe­bungs-Het­ero­fonie“). Gadul­ka und Trompete imi­tieren im let­zten Lied die anti­fonis­che Vor­tragsweise der Frauen. Der Gesamt­ti­tel Zwei Para­phrasen über Koutev ver­weist auf die Vater­fig­ur der Volk­slied-Bear­beitungskun­st in Bul­gar­ien, Philip Koutev.
Unter dem kyril­lisch auf die Front­seite und ins Pro­gramm gedruck­ten Titel Ljul­ka (Wiege, Schaukel, Wippe) ver­lieren sich „Valeri & Sava“ (der Posaunist Valeri Pachov und der Trompeter Sava Stoianov) gegen Ende des Hör-Aben­teuers fünf span­nende Minuten lang in die See­len­land­schaften des Balka­ns, hin- und her­wip­pend zwis­chen aus­ge­zo­ge­nen und blub­bern­den Tönen, tenu­to und frul­la­to.
Passend danach der spukhaft ver­wun­sch­ene Slip in the night Tan­go für Trompete und Melod­i­ca von Cathy Mil­liken und die genialisch ver­rück­ten Mys­ter­ies of the Macabre: drei Arien aus Györ­gy Ligetis Oper, hier in ein­er Ver­sion für Trompete, Klavier und Geräusch-Zube­hör. Hörenswert außer­dem die kleine Trompe­ten-Suchreise Ricer­care una melo­dia des Englän­ders Jonathan Har­vey und das freche Duo for Trum­pet and Cel­lo von Israel Sharon. Die abge­druck­ten Farb­fan­tasien von Bene­dict Mason sagen mir mehr als seine Exerz­i­tien für zwei Cor­net­ti bzw. Pic­co­lo-Trompe­ten.
Lutz Lesle