Elis Hallik

Like a Swan

für Flöte, Bassklarinette, Klavier, Violine, Viola und Violoncello

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 2/2026 , Seite 70

Neue Musik mit ihrer Ausweitung der Klangmöglichkeiten klassischer Instrumente wird von immer mehr Musikliebhabern nicht mehr als Protest gegen den Konzertbetrieb, sondern als Bereicherung wahrgenommen. Die heutige Komponistengeneration sucht in diesen Klangmöglichkeiten nach einer Verfeinerung und Differenzierung des Ausdrucks, also nach einer Ausweitung des Hörens. Like a Swan der jungen estnischen Komponistin Elis Hallik (*1986) kann man durchaus als „Tondichtung“ in der Tradition von Berlioz, Liszt und Strauss hören: Sie will, wie Hallik in den Programm-Notizen schreibt, „die Vorstellung vom Flügelschlag der Schwäne“ und die „Stimmen von Sirenen“ darstellen; als „Lied ohne Worte“ erklingt ein Wiegenlied von Halliks Heimatinsel Kihnu. Die Komponistin schrieb das Werk 2022 angesichts von zwei traurigen Ereignissen: Russlands Überfall auf die Ukraine und den Tod ihres Vaters. Die fliegenden Schwäne sind ein Symbol für „Schönheit, Menschenwürde“, aber auch für die Seele von Halliks Vater, die „wie ein Schwan frei über die Meere fliegt“, die „Sirenenklänge“ für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das Wiegenlied für die Trauer um die Opfer der „russischen Aggression“.
Gewiss, man kann – wie bei jeder Programmmusik – dieses Werk auch nur als Musik auf sich wirken lassen. Doch für die Interpret:innen ist das Programm eine Hilfe, um ihrer Klangvorstellung und dem Ausdruck ihres Spiels eine Richtung geben zu können.
Der Schott-Verlag legt eine Ausgabe des Werks vor, die alle Wünsche an ein für die Spielpraxis geeignetes Notenmaterial erfüllt: Es umfasst die Partitur und Einzelstimmen für jedes Instrument. Das Notenbild ist stets übersichtlich und klar lesbar. Dies gilt auch für die sehr differenzierte Dynamik und die Angaben zu modernen Spieltechniken. Der Pianist spielt im Klavierinnern mit dem Finger auf einer Saite, um Obertöne hervorzubringen, oder bringt mit einem Schlägel für Basstrommel eine Art Tremolo zumeist im sehr tiefen Bereich hervor. Bei der Flöte sind Luftgeräusche und Glissandi, bei der Bassklarinette Multiphonics, bei den Streichern Glissandi auch mit Trillern, Sul-Ponticello-Spiel und Flageoletts gefordert.
Für Musiker:innen, die gerne mit Klang experimentieren und kreativ neue Ausdrucksmöglichkeiten für ihr Instrument entdecken wollen, ist die Einstudierung dieser Komposition lohnend. Differenziert gespielt, mit klanglicher Finesse und intensivem Ausdruck wird eine Aufführung dieses Werks das Publikum zutiefst berühren. Durch den Bezug auf die uns alle ängstigende Bedrohung durch Russlands Krieg hat diese Musik hohe Aktualität.
Franzpeter Messmer

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